Drama

Moritat vom moralischen Leben

Finstere Dennis-Lehane-Verfilmung mit James Gandolfini in seiner letzten Rolle: „The Drop – Bargeld“

Bevor wir jetzt das mit der Mafia erzählen und das mit dem Hund und Weihnachten und dem Geld und das mit dem vielen Blut, erzählen wir erstmal das mit dem Gesicht. Weil man das nämlich nicht mehr vergisst. Den Rest von Michael R. Roskams Mafia-Mordgeschichte „The Drop“ vergisst man zwar auch nicht. Aber man muss ja Prioritäten setzen.

Ein Schweigen ist um dieses Gesicht. Und ein seltsam düsteres Leuchten. Es bewegt sich beinahe nichts in ihm. Wenn sich was bewegt, die Augenbraue etwa, erzählt das mehr als fünf Minuten Monolog. Tom Hardy, Weltmeister der vielsagenden mimischen Reduktion, gehört das Gesicht. Er hat es Bob Saginowski geliehen. Der erzählt die Geschichte. Er erzählt sie langsam. Alles an „The Drop“ ist langsam. Alles konzentriert. Auf die Gesichter, auf das, was sich zwischen ihnen abspielt und um sie herum. Wie sich die Welt verändert und was das mit denen tut, die da am Rand der Unterwelt von Brooklyn versuchen, sich am Leben zu halten.

Zurück zum Gesicht. Fremd ist es und rätselhaft einfach. Es scheint für einen größeren Körper gedacht gewesen zu sein. Jetzt hängt es ein bisschen schwer herum zwischen den Schultern von Bob, dem Barmann in „Cousin Marv’s Bar“. Ein guter Mensch. Ständig sitzt er in der Kirche. Und immer im falschen Leben.

Die Kneipe gehört seinem Onkel. Den gibt James Gandolfini. Der ist so etwas wie das Konzentrat des Mafiafilms in seiner Spätphase. Und so sieht Cousin Marv aus. Fett und unkig. Er nimmt übel. Eigentlich nämlich könnte „Cousin Marv’s Bar“ auch „Little Grozny“ heißen. Es dient der tschetschenischen Mafia als Geldabwurfstelle. Die Tschetschenen haben Marv’s Bar vor Jahren übernommen. Wie sie alles übernommen haben von den letzten Angehörigen der Einwandererwellen vor ihnen. Die sinnen auf Rache. Wie die Kamera langsam in die Wunden der Gesichter hinein zoomt, holt sie die gesellschaftlichen Verwerfungen Brooklyns heran. Dass „The Drop“ zwischen den Jahren beginnt, ist kein Wunder. Er handelt von einer Welt zwischen den Zeiten. Die Kirche wird geschlossen. Die Leute leben für sich. „The Drop“ ist auch eine Studie in Einsamkeiten.

So schlurft Bob also nach Hause. Da hört er ein Winseln aus einer Mülltonne. Bob schaut sich um. Tom Hardy macht ein Kabinettstück daraus. Redet ein bisschen mit sich. Zögert. Greift beherzt hinein und findet einen Welpen. Ein Boxer, denkt er. Ein kleiner Kampfhund stellt sich heraus. Was Besseres bringt die fiese Gegend halt nicht zustande.

Es wird Blut fließen. Es wird so etwas wie Wärme geben. Es wird um Geld gehen und um abgetrennte Gliedmaßen. Die Musik wird wummern. „The Drop“ ist die zärtliche, eiseskalte Moritat vom verzweifelt stillen Versuch eines Mannes, ein moralisches Leben zu führen. Der Frühling kommt nicht vor in diesem Film. Dass er möglich scheint, ist nicht das geringste seiner Wunder..

Drama: USA 2014, 107 min., von Michael R. Roskam, mit Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini

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