Kulturmacher

Die auf dem Teppich bleiben

Ronald Uecker leitet das „Theater unterm Turm“ in Wilmersdorf. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er seinen Traum von einer eigenen Bühne realisieren konnte. In einem Hinterzimmer

Ein Turm ist nirgends zu sehen und auch den Eingang sucht man beim „Theater unterm Turm“ zunächst vergebens. Wer sich in die Düsseldorfer Straße begibt, um das Kieztheater zu besuchen, bleibt ein wenig ratlos vor einem Friseursalon stehen. Dort hängt zwar ein Schild, das unmissverständlich darauf hinweist, dass sich hier irgendwo ein Schauspielhaus befindet. Aber wo, bittesehr, soll man hineingehen?

„Doch, Sie sind richtig!“, sagt Ronald Uecker, der Intendant des Hauses, und weist den Weg. Schon läuft man durch den Friseursalon, vorbei an polierten Spiegeln, breiten Drehsesseln und einem Regal mit Haarpflegemitteln - und landet in einem Hinterzimmer. Einige Stapel mit Stühlen sind zu sehen und ein Teppich, der die Bühne bedeckt und von Scheinwerfern angestrahlt wird. Abends sitzen hier die Theatergäste.

Das Programm ist bunt: Leseabende und Tanzperformances fanden in den vergangenen Jahren statt, vor Kurzem erzählte dort der legendäre Schauspieler Werner Riemann aus seinem langen Theaterleben. Hauptsächlich aber sind es Satire-Abende und hintergründige Boulevard-Komödien, die dort ihr Publikum finden

Im Rentenalter einen Porsche

„Es gibt Männer, die kaufen sich kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter einen Porsche – ich habe lieber ein Theater gegründet“, sagt Ronald Uecker. Auf der Bühne stand der Intendant und Schauspieler bereits mit 18 Jahren und gab den Till Eulenspiegel in einem Theater in Weißensee. Den Namen des Theaters hat er längst vergessen. Später trat er in dem Stück „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ im Palast der Republik auf. „Damals lief bereits mein Ausreiseantrag“, erzählt der 62-jährige. „Wenn das jemand gewusst hätte, hätte ich den Laden gar nicht betreten dürfen.“

Der Antrag wurde bewilligt, Uecker siedelte nach West-Berlin über. Obwohl er Theaterwissenschaften studierte, gab es einen plötzlichen Bruch in seiner Bühnenkarriere. Während der Uni-Zeit beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem Thema Film und schauspielerte nur noch gelegentlich. Nachdem er seinen Abschluss in der Tasche hatte, wurde Ronald Uecker Immobilienmakler und Hausverwalter. „Es ging ja auch darum, Geld zu verdienen“, sagt er.

Doch es gibt eben Träume, die lange warten müssen, ehe sie Wirklichkeit werden. Und so begann Uecker, den die Liebe zur Schauspielerei nie verlassen hatte, vor fünf Jahren eine eigene Theatertruppe zusammen zu bringen. Mit einigen Bekannten probte er in der Kirche am Hohenzollernplatz. Aus dieser Zeit stammt, dem hohen Kirchturm sei Dank, auch der Name „Theater unterm Turm“. „Außerdem gefiel mir, dass der Name an das berühmte Frankfurter ‚Theater am Turm’ erinnert, in dem Fassbinder einst Intendant war“, sagt Uecker.

Zur selben Zeit begann seine Frau Monika, die 20 Jahre lang einen Friseursalon in Charlottenburg betrieben hatte, nach neuen, kleineren Räumlichkeiten zu suchen. Irgendwann entdeckte dann Uecker, der Theatermann und Immobilienmakler, das verwinkelte Ladengeschäft, das in der Nähe der Kirche liegt. So kam die Idee auf, Beruf und Hobby zumindest räumlich zusammenzubringen. Auch die Hausverwaltung, die Uecker nach wie vor betreibt, ist hier untergebracht.

Seit vier Jahren residiert das kleine Theater jetzt an der Düsseldorfer Straße. Das Repertoire und das Ensemble sind ständig gewachsen. Zu den bekanntesten Mitgliedern gehören Christoph Schobesberger und seine Frau Daniela, die weit über die Kleinkunstszene hinaus bekannt und auch in größeren Häusern sowie im Fernsehen zu sehen sind.

Die beiden Schauspieler wohnen in der Nähe und lernten den Theatermacher zufällig bei einem Spaziergang mit ihrem Hund kennen. „Wir fanden es natürlich großartig, dass hier jemand ein Theater eröffnet hat und haben ihn deshalb gleich angesprochen“, erzählt Daniela Schobesberger, die seitdem regelmäßig auf der Bühne steht und Stücke inszeniert.

Ihr Mann Christoph lobt die kreative Freiheit und die direkte Nähe zum Publikum, die in einem Theatersaal in Wohnzimmergröße zwangsläufig entsteht. „Außerdem ist es sehr angenehm, dass wir wirklich ein Team sind“, sagt er. „Hier gibt es erfreulicherweise keinen egomanen Boulevard-Intendanten.“

Das derzeit erfolgreichste Stück des Theaters ist „Es war die Lerche“ von Ephraim Kishon. In dem Stück spann der israelische Satiriker die Geschichte von Romeo und Julia weiter. Was wäre geschehen, wenn Julia rechtzeitig erwacht wäre und die beiden 29 Jahre später noch immer in Verona leben würden? Es ist eine Komödie, die sehr gut auf einer Kleinkunstbühne funktioniert. „Mehr als vier Personen finden auf unserer Bühne nicht Platz“, sagt Daniela Schobesberger.

Längst noch nicht ausgebrannt

Geld kann man mit einem Kieztheater mit nur 35 Sitzplätzen nicht verdienen. Der Eintritt kostet 14 Euro, ermäßigte Karten gibt es für acht Euro. Wenn überhaupt Gagen bezahlt werden, fallen sie schmal aus. Ehrenamtliche helfen, die Maske macht meist die gelernte Friseurin Monika Uecker.

Auch wenn vieles improvisiert werden muss, die Truppe ist mit Schwung dabei. In den nächsten Monaten sind weitere Premieren geplant. Daniela Schobesberger möchte „Das kunstseidene Mädchen“ und „Warten auf Godot“ auf die Bühne bringen. Von Becketts Klassiker schwebt ihr eine Inszenierung vor, in der drei Frauen zwei Hauptrollen übernehmen. Je mehr Leben im Haus ist, umso besser, findet Ronald Uecker. „Ich konnte mich ja 40 Jahre lang vom Theaterleben ausruhen“, sagt er. „Ausgebrannt bin ich nun wirklich nicht.“

Theater unterm Turm Düsseldorfer Str. 2, Wilmersdorf, Tel. 01577 042 5268