Berliner Perlen

So schmeckt Polen

So schmeckt es im Nachbarland: In ihrem Laden an der Pestalozzistraße verkauft Familie Klon schlesische Wurst, Warschauer Waffel-Torte und außergewöhnliche Weihnachtskarten

Eigentlich hatte es Familie Klon in Berlin gleich ziemlich gut gefallen, als sie 1988 aus Wodzislaw Slaski, dem früheren Gleiwitz, nach Berlin zogen. Wenn nur die Sache mit dem Essen nicht gewesen wäre. Die schlesische Wurst fehlte ihnen, die gute Schoko-Waffel-Torte und das Vogelmilch-Konfekt. Bis die Familie im Herbst 1994 die Tante in München besuchte und dort einen polnischen Lebensmittelladen entdeckte. „Meine Eltern wollten sich damals ohnehin selbstständig machen“, erzählt Izabela Klon-Dziagwa, und nach dem Besuch in München stand fest: Sie verkaufen Lebensmittel aus der früheren Heimat.

„So einen Laden gab es damals in Berlin noch nicht“, sagt Izabela Klon-Dziagwa. Aber 30.000 Polen, darunter offenbar viele, die das deftige polnische Essen vermissten. Jedenfalls wurde das kleine Geschäft, das die Eltern 1995 an der Pestalozzistraße eröffneten, schnell zu einem Anlaufpunkt für sie. Auch weil es immer mehr als einfach nur Lebensmittel gab: Die Kunden kamen, um über die polnische Heimat zu sprechen oder die neusten Tipps für das Leben in Berlin auszutauschen.

Tochter Izabela ging noch zur Schule, als Familie Klon den Laden eröffnete. Aber an den Wochenenden und in den Ferien halfen ihr jüngerer Bruder und sie immer mit, sonnabends im Geschäft, sonntags verteilten sie nach dem Gottesdienst die polnischsprachige Gratiszeitung „Kontakty“, die ihre Eltern ebenfalls gegründet hatten. Inzwischen ist Izabela Klon-Dziagwa dort für das Anzeigengeschäft zuständig, eine Grafikerin und mehrere Autoren unterstützen sie. Nach der Schule hatte sie sich zunächst für eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau entschieden und anschließend in dem Beruf gearbeitet. Aber später, als Mutter zweier Kinder, brauchte sie flexiblere Arbeitszeiten und kehrte ins Familienunternehmen zurück.

Deftig und süß

In der Pestalozzistraße sitzt sie jetzt in einem kleinen Büro hinter dem Laden. Ihr Weg führt sie morgens vorbei an Würsten, die gerade geliefert werden, und gar nicht aus Schlesien stammen, sondern aus einem Familienbetrieb mit polnischen Wurzeln in der Nähe von Hannover. Die Rezepte aber sind original schlesisch. Die Brühwurst zum Beispiel, mit wenig Salz und viel Majoran, die kräftige Krakauer Wurst, die Oppelner Bockwurst, sie alle werden so hergestellt, wie sie die Kunden der Klons früher in Polen gegessen haben. „Inzwischen kommen auch immer mehr Deutsche“, sagt Izabela Klon-Dziagwa. Nicht nur die, die sich an die Wurstbrote ihrer Kindheit in Breslau, Schreiberhau oder Hirschberg erinnern. Sondern „Menschen, die gern Deftiges mögen“.

Die 38-Jährige selbst allerdings liebt vor allem die polnischen Süßigkeiten: „Hier, die Vogelmilch“, mit einem Leuchten in den Augen zieht sie eine Verpackung mit der Aufschrift „ptasie mleczko“ aus dem Regal: Eine Art Marshmallow mit Sahne- oder Vanillegeschmack. Sie schwärmt von den Torten „von sehr berühmten polnischen Firmen“, wie die „Torczik Wedlowski“, die von einem Warschauer Konditor erdachte Schokoladen-Waffel-Torte. Und sie freut sich immer, wenn die Backwaren geliefert werden: Dann kommen die Pfannkuchen nach polnischem Rezept, die für klebrige Finger sorgen.

Natürlich gibt es auch Piroggen, die polnischen Teigtaschen, und Rote-Bete-Suppe aus der Packung, ebenfalls ein traditionelles polnisches Essen. Sie locken auch noch eine andere Kundengruppe: „Seit einiger Zeit kommen viele Russen“, erzählt Izabela Klon-Dziagwa, ihr Geschmack sei dem polnischen sehr ähnlich, Piroggen und Suppe werden in Russland ebenso gegessen. Die Klappkarten mit der Aufschrift „Wesolych Swiat“, Frohe Weihnachten, richten sich an Stammkunden mit Wurzeln in Polen, ebenso wie die polnischen Zeitschriften im Regal hinter der Tür.

Wurst mit Lebkuchensauce

Was im Laden verkauft wird, entscheidet Izabela Klon-Dziagwas Mutter. Sie führt das Geschäft. Viele Kunden kennt sie schon seit Jahrzehnten und weiß, wessen Ehemann krank ist, wer es mit der Hüfte hat, und dass der Herr, der regelmäßig mit einer Plastikkiste kommt, für ein ganzes Seniorenheim einkauft. Wenn ein Kunde eine Verpackung mitbringt und sagt, das habe er in Polen gekauft und es habe ihm so gut geschmeckt, versuchen die Klons, es für ihn aufzutreiben. „Zu manchen besteht schon fast ein familiärer Kontakt“, sagt Izabela Klon-Dziagwa.

Die Stammkundschaft weiß auch, dass es ratsam ist, das Essen für die Feiertage beizeiten zu bestellen. Die schlesische Weißwurst, eine Spezialität, die traditionell mit Lebkuchensauce gegessen wird, gibt es nur zu Weihnachten. Wer da nicht vorbestellt, hat schlechte Chancen, sagt Izabela Klon-Dziagwa: „Vor Weihnachten reicht die Schlange bei uns bis auf die Straße.“

Klon Polnische Lebensmittel Pestalozzistraße 70-71, Charlottenburg, Mo.–Mi. 10–18 Uhr, Do.–Fr. 10–19 Uhr