Thriller

Es gibt sie noch, die echten Männer

Geht doch: Philipp Leinemanns „Wir waren Könige“ ist ein großartiger deutscher Polizeithriller

Das deutsche Kino ist eine Testosteronmangelerscheinung. Allzu ehrpusselige Filmfördergremien voller – Vorsicht: einseitige Arbeitshypothese – gutmeinender GewaltverneinerInnen haben zu einer derartigen Entmännlichung der Leinwände geführt, dass man erschrickt, wenn geschieht, was in Philipp Leinemanns Polizeithriller „Wir waren Könige“ einem ganzen Viertel geschieht. Leinemann lässt mit Misel Maticevic und Ronald Zehrfeld zwei mögliche männliche Rollenmodelle aufeinander los – schon explodiert die Welt im blutrot funkelnden Feuerwerk höchst maskuliner Hormone.

Zu niedlich sei der deutsche Film, hat Dominik Graf mal gesagt, und dass der deutsche Film schon deswegen am Rand der Verlogenheit herumtanzt, weil er sich – im Gegensatz zu der harten Welt außerhalb der Viertel, wo Fördergremiumsmitglieder wohnen – zu sehr auf dem Boden des Grundgesetzes bewege. Wilde Geschichten wünschte er sich, die Gewalt zeigen, wie sie ist, erzählen, wie sie entsteht. Graf ist der Säulenheilige eines neuen deutschen Männerfilms. Und Grafs TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ ihr Masterplan – die brutalstmögliche Ausleuchtung des deutschen Alltags, dort, wo er besonders männlich ist, am unteren Rand, in der moralischen Grauzone.

Im „Angesicht des Verbrechens“ standen sich Maticevic und Zehrfeld noch als Feinde, als Gegenpole gegenüber. Letzteres sind sie auch in den „Königen“, diesmal auf Seiten der Guten. Jedenfalls auf Seiten derjenigen, die denken, dass sie die Guten sind. Sie sehen allerdings ziemlich finster aus, als man ihnen das erste Mal begegnet. Ein Sondereinsatzkommando, mehr als ein halbes Dutzend Männer, für die das ganze Leben ein Sondereinsatz geworden ist. Sie stehen im Treppenhaus eines Wohnsilos. Hochgerüstet wie moderne Ritter. In der Wohnung, in die sie einbrechen, befinden sich ziemlich viel Geld, ziemlich viele Drogen, eine Katze, ein Kind, eine hysterisch schreiende Frau, zwei Shisha rauchende Kerle und ein halbnackter Tätowierter, der herumrandaliert und am Ende die Katze in den Backofen steckt. Keine fünf Minuten später sind zwei Männer tot, ein Polizist liegt in seinem Blut, ein Mann flieht, Frau und Katze und Kind sind gerettet. Und nach weiteren fünf Minuten einer ganz fabelhaft gefilmten, hochverdichteten Ouvertüre weiß man, dass es hier um Männerbündelei geht und um Korruption, Sparzwang, die Gewalt, ihren Preis und darum, wie die Grenzen der Moral fließen am Rand der bürgerlichen Welt.

Sie haben nichts, was ein Leben ausmachen könnte. Das Zentrum ihrer Existenz ist ein Raum, der so aussieht, wie der Club unserer Jugendeinrichtung aussah. Alte Möbel stehen herum, es riecht nach Rauch und Bier und Tigerkäfig.

Alt sind sie geworden, die Männer. Aus dem Jugendclub und seinen Ritualen sind sie dennoch nie raus gewachsen, nicht in der Wirklichkeit, nicht im Kopf. Leinemanns Film erzählt auch vom Ende einer durchaus typisch männlichen, lebenslangen Pubertät, von letzten Kämpfen mit sich, untereinander und gegen gleich zwei Jugendgangs, von deren Gehabe, deren Auslegung von Moral und Anstand sie sich nur durch eine Generation, ihre Uniform und ihre Ausweise unterscheiden.

Immer schneller drehen sich alle um sich und um Rache und Gewalt. Einen magischen Moment gibt es, da finden sich alle beim Bowlen, Bier fließt und Tränen, alle, die Jungen und die Bullen, liegen sich in den Armen. Die Kamera dreht sich schwindelig. Alles fliegt. Als der Morgen dämmert, liegen zwei SEKis hingerichtet wie Abfall herum. Alles fliegt in die Luft. Und die Männerfreundschaft zwischen Misel Maticevic, der den Hohepriester des Corpsgeistes spielt, und Ronald Zehrfeld, der eine Art Fortsetzung seines zweifelnden Afghanistan-Befriedungssoldaten aus Feo Aladags „Zwischen Welten“ gibt, zerfällt. Um die dunkle Sonne dieser prekären Beziehung kreisen sozusagen als Testosterontrabanten Variationen der Männlichkeit.

Ein gutes Dutzend Gestalten lässt Leinemann durch die Schluchten der Hochhäuser jagen. Alle haben Tiefe. Alle sind sie ehrlich und lebendig. Eine wilde Geschichte, weit weg vom Boden des Grundgesetzes und garantiert eines nicht – niedlich. Darauf lässt sich aufbauen.

Thriller: D 2014, 107 min., von Philipp Leinemann, mit Ronald Zehrfeld, Misel Maticevic, Thomas Thieme, Frederic Lau, Tilman Strauß

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