Komödie

Auge um Auge, Schnee zum Schnee

Am lakonischten und kältesten sind einfach die Krimis aus Skandinavien: „Einer nach dem anderen“

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Vielleicht liegt allein in diesem stark atmosphärischen Sprichwort der Grund für die große Popularität von Krimis aus dem kalten Skandinavien. Es sind schließlich nicht die zu lösenden Rätsel allein, die eine gute Kriminalgeschichte ausmachen, es sind die niederen, aber durchaus menschlichen Beweggründe, die den meisten Übeltaten zugrunde liegen und somit auch einen Blick in die Abgründe der eigenen Seele erlauben. Dorthin wo Triebe wie Rache, Habgier oder auch die reine Mordlust ihr Schattendasein führen.

Kälte jedoch, das weiß man aus der Medizin, verlangsamt den Stoffwechsel, das Denken, begünstigt also auch besonders eindimensionale, triebgesteuerte Handlungen. Ganz besonders kalt ist es eben auch im norwegischen Wintersportort Beitostølen, wo Hans Petter Moland, einer der Meister skandinavischer Leinwandlakonik, seinen neuen Thriller gedreht hat. Er sorgte bereits unter dem herrlichen Original „Kraftidioten“ und dem auch nicht üblen englischen Titel „In Order of Disappearance“ im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale für Begeisterung.

Natürlich weiß man, wie dieser Film, der in den deutschen Kinos nun „Einer nach dem anderen“ heißt, ablaufen wird. Es reicht, in das Gesicht von Stellan Skarsgård zu schauen, wenn er hier den wortkargen Schneepflugfahrer Nils spielt, der eines Tages ins Krankenhaus gerufen wird, um die Leiche seines Sohnes Ingvar zu identifizieren. Er ist mit einer Überdosis auf dem Bahnhof gefunden worden. Gudrun (Hildegun Riise), Nils’ noch schweigsamere Frau, wendet sich ganz ihrem Schmerz zu. Ihr Mann macht da nicht mit. Er ist ein Mensch der Tat. Und wo es keinen Schnee zu pflügen, keinen Mörder zu stellen gibt, da richtet Nils in stummer Verzweiflung über seine Machtlosigkeit eben die Waffe gegen sich selbst. Doch mit dem Gewehrlauf im Mund erfährt er gerade noch rechtzeitig den Namen des Mörders seines Sohnes.

In dem Blick, mit dem der große Schauspieler Skarsgård hier reagiert, kann man schon die Reihe von Leichen sehen, die fortan seinen Weg pflastern werden. Einen Weg, der vom billigen Handlanger bis zum letzten Hintermann, einem wahnsinnigen Drogenbaron (Pål Sverre Valheim Hagen) reichen wird, der sich nur „der Graf“ nennen lässt und geschmacklose Skulpturen weißer Hände sammelt. Als diesem Grafen nach und nach seine Mitarbeiter abhanden kommen, gerät er in Panik, verdächtigt „die Serben“ einen Bandenkrieg anzuzetteln.

Aus dem Affekt befiehlt er eine willkürliche Exekution – die ausgerechnet den Sohn des großen Paten der serbischen Mafia trifft. Bruno Ganz spielt diesen Paten, der nur „Papa“, genannt wird, mit einer Präsenz, die eher an Marlon Brando in „Der Pate“ erinnert als an so manch andere Führerpersönlichkeit, die Ganz schon in seiner langen Karriere zu verkörpern hatte. Es sind mehr seine Augen als seine altersschwache Flüsterstimme, mit denen „Papa“ angesichts eines sterblichen Überrestes seines Sohnes nun seinerseits Rache fordert: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

Das etwas perverse Vergnügen, mit dem man als Zuschauer Nils bei seiner archaischen Trauerarbeit folgt, wird nur in einem kleinen, im allerbesten Moment dieses unheimlich stimmigen Films gestört. Als Nils, der eigentlich ein angesehener Bürger seines Städtchens ist, dem niemand etwas Böses zutrauen würde, nach seinem ersten Racheakt durch den laut quietschenden Schnee auf den Hof seiner Firma stapft und mit dem Anflug eines Triumphgefühls zum dritten Stock hochblickt, dorthin, wo seine Frau Gudrun wohl häufig steht und auf ihn wartet, da steht sie tatsächlich am Fenster und fängt seinen Blick auf.

Aber ihr Blick sagt: Ich weiß, was du getan hast, du kräftiger, kleiner Idiot. Und schlimmer als das, was du getan hast, ist doch, dass du tatsächlich glaubst, es würde etwas ändern. Am Tod unseres Sohnes. An meinem Schmerz. Und überhaupt. Auch Nils scheint das zu begreifen. Aber es ist, als ob die Kälte von Skandinavien, das ganze Weiß, das Nils, den Grafen und Papa umgibt, keinerlei Widerspruch zulässt. Das Denken gefriert. Die Rache kommt und geht. Aber die Kälte wird bleiben.

Komödie: Norwegen 2014, 114 min., von Hans Petter Moland, mit Stellan Skarsgard, Bruno Ganz, Birgitte Hjort Sorensen, Pal Sverre

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