Kulturmacher

Aus dem Kiez für den Kiez

Das SO36 ist mehr als ein Club. Seine Macher wollen neben einem vielfältigen Musikangebot ihre Solidarität für Menschen in Not zeigen und dazu den ganzen Kiez in ihre Hallen holen

Obwohl sich der Name des SO36 aus dem gleichnamigen historischen Postzustellbezirk Kreuzbergs ableitet, hat die Zahl 36 für Pasqual und Myriam in diesem Jahr eine besondere Bedeutung: Vor 36 Jahren, im Sommer 1978, nahm das SO36 an der Oranienstraße als Veranstaltungsort seinen Betrieb auf. Es spielten unter anderem die Bands The Wall, Mittagspause und PVC, mit etwas Glück konnte man in den folgenden Monaten David Bowie und Iggy Pop begegnen. Der Ort wurde zum Fixpunkt der Alternativ-Szene von Berlin und Deutschland.

Haben Pasqual und Myriam, zwei der Macher des heutigen SO36, überhaupt einen Bezug zu dieser Vergangenheit? „Ich war damals noch viel zu jung, finde es aber total spannend, wenn Kollegen von alten Zeiten schwärmen oder wir Bands im Programm haben, die damals schon gespielt haben“, sagt Pasqual. Myriam war als „kleiner Punker“ das erste Mal 1984 im damals besetzten Konzertsaal. In der Szene war es das „SO“, das man aussprach wie „Esso“. Und die Bezeichnung „Club“ war damals noch nicht üblich. Das „Esso“ war halt dieser „Laden“ an der „O-Straße“.

Richtig miterlebt hat Myriam die Zeit jedoch nicht, da sie zu der Zeit nicht in Berlin gewohnt habe. Wie alt Pasqual und Myriam sind, verraten sie nicht.

Nach einigen Jahren unterschiedlicher Nutzung und Phasen des Stillstands wurde das SO36 1990 renoviert und unter neuer Trägerschaft des Vereins Sub Opus 36 wieder als Veranstaltungssaal in Betrieb genommen. Für Myriam war das der Start ihrer Tätigkeit. „Ich habe nach der Wiedereröffnung mein erstes Konzert organisiert und bin seit 1993 fest dabei“, erzählt die Kreuzbergerin, die zudem sieben Jahre im Vorstand des Vereins tätig war.

Seit 1995 ist die Organisation der Konzerte fest in weiblicher Hand. Myriam macht dafür mit einer Kollegin das Booking und ist mit drei anderen Frauen für den Ablauf der Konzerte verantwortlich. Sehr stolz ist sie darauf, dass sie 2004 mitgeholfen hat, den Club zu einem Ausbildungsbetrieb aufzubauen.

Von der Party zur Garderobe

Pasquals Karriere im „SO“ ging ein wenig später los. „Ich habe hier meine ersten tollen Partys gefeiert und dann Anfang 2000 begonnen, an der Garderobe zu arbeiten“, erzählt er. Nach seiner Ausbildung als Veranstaltungskaufmann wurde er 2007 fest angestellt. Heute arbeitet er in der Veranstaltungskoordination und ist für die Werbung und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins zuständig.

Aktuell hat Sub Opus 36 über 100 Mitglieder, wovon einige fest angestellt sind, andere nur für ein oder zwei Schichten im Monat arbeiten und dafür gratis ein Konzert besuchen können. Statt auf Hierarchien legen die Macher Wert auf das Kollektiv. Am anschaulichsten wird das beim „Delegiertenrat“. Dort treffen sich Vertreter aller zwölf Abteilungen jeden Mittwoch und besprechen verschiedene Anliegen. „Mit meinen Vorstandskollegen habe ich das Mitte der 90er-Jahre eingeführt, weil wir nicht die einzigen sein wollten, die die Entscheidungen treffen“, erzählt Myriam. Die Idee, dass alle gemeinsam diskutieren und einen Konsens finden, hat sich bewährt. „Der Deleigiertenrat ist bei uns das Organ, das man woanders ‚Chef‘ nennt“, sagt Pasqual und schmunzelt.

Nicht nur bei der Struktur, auch was die Musik betrifft, hat das SO36 schon immer eigene Pfade bestritten. Von 80er-Parties über HipHop und Techno bis hin zu Punk- und Ska-Konzerten von Bands aus der Türkei, aus Griechenland, Italien oder Mexiko zeichnet sich das Programm immer durch ein breites Spektrum aus.

Viele Musiker gehören fast schon zur Familie. „Es gibt einfach sehr viele Bands wie Agnostic Front, The Busters oder Götz Widmann, die wir gerade im Programm haben, die schon zigmal hier waren und sich immer freuen, wenn sie herkommen können“, sagt Myriam. Trotzdem sei man immer noch offen für neue Künstler aller Art. Einzige Bedingung: Sie dürfen nicht sexistisch, rassistisch oder homophob sein.

Darüber hinaus zeigen die Macher des „SO“ Solidarität mit denen, die ihrer Ansicht nach am meisten Unterstützung benötigen. So wird Anfang Dezember der Soli-Abend „Help Kobane“ veranstaltet, um Flüchtlingen, aber auch Einwohnern der umkämpften kurdischen Stadt mit Eintrittsgeldern und Spenden zu helfen.

Auch für die Nachbarschaft ist das SO36 da. „Wir versuchen, den Kiez in den Laden zu holen, etwa mit Veranstaltungen wie Kiezbingo und dem Nachtflohmarkt“, sagt Pasqual. Während Letzteres einen abendlichen Flohmarkt mit einer kostenlosen Sozialberatung für Hartz IV-Empfänger kombiniert, werden beim Kiezbingo Gelder für gemeinnützige Projekte gesammelt. „Beim Bingo stiften die Läden und Gewerbetreibenden der Nachbarschaft die Preise“, sagt Myriam, die wie Kollege Pasqual ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte.

An der Tür geht nichts mehr

An einem Samstagabend Mitte November zeigt sich, wie sehr sich der Club als Veranstaltungsort etabliert hat. Auf dem Programm steht das 2. Halbfinale der Poetry Slam Meisterschaft für Berlin und Brandenburg. Obwohl es erst kurz nach 19 Uhr ist und damit noch viel zu früh für die berühmten Kreuzberger Nächte, geht an der Tür des SO36 nichts mehr. Einlassstopp wegen zu des großen Andrangs. „Ich freue mich sehr, dass sich so viele Menschen für den Poetry Slam interessieren“, kommentiert Pasqual, der diese Fremdveranstaltung betreut.

Der Abend wird ein voller Erfolg, da die „Slammer“ es verstehen, das Publikum mitzureißen. Von den Gästen selbst hört man nur Positives. Bezeichnend ist das Statement von Kiezbewohnerin und Stammgast Clara: „Im Gegensatz zu all den gehypten Clubs in Berlin hat das SO36 eine Geschichte. Und das merkt man einfach.“

SO36 Oranienstr. 190, Kreuzberg, Tel. 614 013 06, so36.de