Kulturmacher

Eine Frau für alles

Seit 2003 ist Andrea Pier Theaterleiterin im Stage Theater des Westens. Sie sorgt dafür, dass Hits wie „Mamma Mia!“ Abend für Abend reibungslos über die Bühne gehen

Mittags wirkt der Spiegelsaal im Theater des Westens fast genauso glamourös wie am Abend. Tageslicht dringt durch die hohen Fenster mit ihren bunten Bleiglas-Einfassungen und lässt die breiten Kronleuchter schimmern. Es ist sehr ruhig in dem knapp 500 Quadratmeter großen Raum: Die Bar ist noch nicht besetzt, nur hin und wieder laufen Techniker wortlos an den leeren Sitzgruppen vorbei. Schauspieler und Tänzer sieht man nicht, sie trainieren derzeit ihre Nummern für die aktuelle Produktion „Mamma Mia!“.

Andrea Pier, Theaterleiterin des Hauses, empfängt gerne tagsüber ihre Gäste in dem Saal, der weitaus mehr Atmosphäre hat, als der Verwaltungstrakt, in dem sich ihr Büro befindet. „Als ich das erste Mal hierher kam, wusste ich sofort, dass ich hier arbeiten möchte“, sagt sie. Vor zwölf Jahren verkaufte der Senat das Theater aus dem Jahr 1896, in dem einst Enrico Caruso, Marlene Dietrich und Hildegard Knef auftraten, an die Gruppe Stage Entertainment.

Vor elf Jahren wurde Andrea Pier, die damals Chefin des Theaters am Potsdamer Platz war, zur Leiterin berufen. Obwohl das damals nagelneue Theater in Berlins Mitte 200 Sitzplätze mehr hatte und außerdem über eine weitaus modernere Bühnentechnik verfügte, hat sie sich dennoch für das geschichtsträchtige Haus an der Kantstraße entschieden. „Was sind schon Sitzplätze?“, sagt Andrea Pier. „Es roch hier in jeder Ecke nach Theater. Das war genau das, was ich wollte.“

Als Chefin eines Hauses mit rund 1600 Sitzplätzen und 160 Mitarbeitern ist Andrea Pier vor allem mit organisatorischen Aufgaben betraut. Dazu gehören Finanzbuchhaltung, Lohnbuchhaltung, Personalmanagement und die Frage, an welchen Fernsehauftritten das Ensemble teilnimmt. „Meine Aufgabe als Theaterleiterin ist es, die Qualität, die zu Beginn einer Produktion festgelegt wird, zu halten – und möglichst noch kontinuierlich zu steigern“, sagt sie. Der Spielbetrieb muss stets reibungslos ablaufen. Darsteller, Regie, Musiker, Maskenbildner, Ankleider, Handwerker und andere Gewerke müssen miteinander, und nicht gegeneinander arbeiten.

Am besten Bewährtes

Um zu verdeutlichen, was alles in ihr Metier fällt, zeigt Andrea Pier auf die alte Kassettendecke hinter der Bar. Dort verbreiten verspiegelte Glühbirnen warmes Licht, sie gehören zu den letzten ihrer Art. „Das Ende der Glühbirne beschäftigt uns im Moment sehr. Auf der einen Seite würden wir gerne unsere Energiekosten senken, auf der anderen Seite soll es hier natürlich auch gut aussehen“, sagt Andrea Pier. „Die LED-Technik ist noch nicht so weit und das Licht von Energiesparlampen passt nicht zu der Stimmung, die wir uns wünschen.“

Künstlerische Entscheidungen trifft Andrea Pier nicht. Dass derzeit im Theater des Westens Abbas „Mamma Mia!“ und ab März das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ läuft, hat die Firmenleitung in Hamburg festgelegt. Das Unternehmen betreibt auch Häuser in Hamburg, Stuttgart und Oberhausen.

Viele Touristen verbinden ihre Städtetrips mit Musical-Besuchen. Die Entscheidung, welches Stück wann und wo läuft, wird in Hinblick auf die gesamte deutsche Musical-Landschaft getroffen. Da moderne Produktionen enorm teuer und aufwändig sind, setzt man zunehmend auf Bewährtes. „Mamma Mia!“ und auch „Ich war noch niemals in New York“ sind so genannte Jukebox-Musicals, bei denen eine Handlung um bereits bekannte Songs konzipiert wird. Beim Publikum kommen Produktionen mit Liedern, die sie mitsingen oder zumindest mitsummen können, in der Regel besonders gut an.

Im Theater groß geworden

„Theater ist meine Heimat, mir wurde das wirklich in die Wiege gelegt“, sagt Andrea Pier, die in Bielefeld aufgewachsen ist. Ihre Mutter war Sängerin und Schauspielerin, der Vater Regisseur, eine der Großmütter betrieb eine Wanderbühne. Viele Nachmittage hat sie als Kind in Theatern verbracht, ohne dabei jemals den Drang zu verspüren, selbst auf der Bühne zu stehen. „Wahrscheinlich lag mir schon damals das Organisatorische mehr: Ich war erst Klassensprecherin und später Schulsprecherin“, erzählt sie. Nach dem Abitur hätte sie gerne Kulturmanagement studiert, doch solch eine Studienrichtung gab es Ende der 80er-Jahre noch nicht im deutschsprachigen Raum. Also entschied sie sich für das Fach Theaterwissenschaften, das sie ganz „wunderbar“ fand.

Ursprünglich hatte sie den Plan, später einmal in einem Stadttheater zu arbeiten, doch dann zog sie mit ihrem Mann, einem Musicaldarsteller, nach Duisburg und lernte seine Kollegen kennen. Ihr erster Auftrag dauerte nur einige Monate: Sie musste einen Kinderchor für das Musical „Joseph“ zusammenstellen und fuhr mit einem Bus übers Land, um Kinder zu casten. Später arbeitete sie als Company Managerin für verschiedene Produktionen.

Abwechselnd mit ihrer Assistentin begleitet sie jede Vorstellung des Abends. „Auch wenn es sehr selten vorkommt: Bei einer Musical-Produktion kann alles Mögliche passieren. Darsteller können sich verletzten und auch die Bühnentechnik ist anfällig für Störungen. Meist bleibt das unbemerkt. Doch hin und wieder kommt es vor, dass wir eine Vorstellung abbrechen müssen.“

Seit einigen Wochen ist sie Repräsentantin der Stage Entertainment, zu denen außer dem Theaters des Westens und dem Theater am Potsdamer Platz auch das Bluemax Theater der Blue Man Group gehört. „Bisher hat mich das Publikum vor allem gesehen, wenn etwas schief gegangen ist“, sagt Andrea Pier. Wenn sie jetzt als Repräsentantin agiert, wird sich das gewiss ändern.