Kleine Entdeckungen

Das Mädchen auf der Schildkröte

Sie reitet auf einer Riesenschildkröte und hat anscheinend viel Zeit.

Seit 30 Jahren verweilt das bronzene Mädchen, das irgendwie an Michael Endes Roman-Heldin Momo erinnert, auf dem Breitscheidplatz. Dabei ist die futuristisch-bizarre Skulptur des Bildhauers Joachim Schmettau, der auch den benachbarten steinernen Weltkugelbrunnen mit Bronzefiguren verzierte, immer in bester Gesellschaft. Sind doch Breitscheidplatz und der umgangssprachlich in „Wasserklops“ umgetaufte Brunnen ein beliebter Treffpunkt in der City West.

Schmettaus Reiterin ist ein Zwischenstopp für pflastermüde Stadtbummler. Ihr zu Füßen verschnaufen, schwatzen, telefonieren sie, verzehren Sandwiches, vergessen die Zeit. Vielleicht ist der philosophische Spruch auf dem Skulptur-Sockel ein Zauberbann. „Alles verzehrt am Ende die eine Macht, die Macht der Zeit“, verkünden Bronzeletter in Anlehnung an Sophokles. So versinnbildlicht das Mädchen auf der für Langsamkeit bekannten Schildkröte das Phänomen stetig verrinnender Zeit.