Ausflugs-Tipp

Zu Besuch bei einer alten Dame

Schönhausen: Schloss mit Stadtanschluss, Landflair – und mit großer Geschichte

Aufs Dorf! Ins Grüne! Schnell! Sechs Stationen braucht die U-Bahn für die Fahrt vom Alexanderplatz bis zur Dorfkirche in Pankow. Mehr nicht. Der Feldsteinbau hockt seit 600 Jahren auf dem grünen Dorfanger wie eine Einladung: Durchatmen, bitte. Ab hier wird die Welt langsamer. Das Schöne an diesem Ausflug ist, dass man sich die Reihenfolge aussuchen kann. Alles liegt im Kreis. Wir machen zunächst einen Schlenker durch den Majakowskiring, das legendäre „Städtchen“, das Schloss und Park umgibt. So wurde es nach russischem Vorbild genannt, weil ab 1950 die DDR-Politgrößen in die Fabrikantenvillen zogen. Wilhelm Pieck, erster und einziger Präsident der DDR, machte zudem das nahe gelegene Schloss zu seinem Amtssitz. Für DDR-Normalbürger wurde die Gegend verbotene Zone. Als einer der letzten zog SED-Politiker Egon Krenz 2002 weg. Heute erinnern nur noch Gedenktafeln an die Bewohner.

Unsere Zeitreise führt von der Ossietzkystraße links durch die Torhäuser des Schlossparks. Binnen weniger Schritte geraten wir ins 18. Jahrhundert. Durch große Alleebäume leuchtet pastellfarben das Schloss Schönhausen, fast so wie 1740, als hier die preußische Königin einzog. Blätter rieseln auf weite Parkwege, der Himmel ist groß. Endlich sind wir auf dem Land.

So zumindest sah es für Königin Elisabeth Christine aus, als sie im Jahr 1740 hier ankam. Das Schloss stand zwischen Äckern und den Auen am Flüsschen Panke. Das heutige Stadtviertel gab es noch nicht. Schönhausen wurde der Sommersitz der Königin. Friedrich der Große schenkte ihr das Schloss, kam aber selbst nie her, sondern lebte auf Schloss Sanssouci in Potsdam. Sie nahm es hin. Die Ehe war ein arrangierter Bund im Namen der Nation.

Ein Königinnenleben ohne König

Das Leben des kunstsinnigen Preußenkönigs ist hinreichend bekannt. Wer aber war seine Frau, die auf Schloss Schönhausen mehr als 50 Jahre lang ein Königinnenleben führte – ohne König? „Einsam“ blieb lange ihr einziges Attribut in der Erinnerung. Vielleicht noch das böse Wort ihres Mannes, der beim Wiedersehen nach der Trennung durch den siebenjährigen Krieg zu ihr gesagt haben soll: „Madame sind korpulenter geworden!“ und sich dann abwandte.

Die Schlossführung zeigt eine andere, heitere Seite der Königin. Am Eingang führt eine fast schwebende Freitreppe in eine Flucht heller, stuckverzierter Räume mit großen Fenstern. Elisabeth Christine ließ das Schloss nach ihren Vorstellungen gestalten. Mehr Platz zum Wohnen, für Gesellschaften und die Verwandten. Kinder hatte sie nicht. Sie ließ sich unterhalten von Hofdamen, sie lernte malen, war tief gläubig. Von den Moden der Zeit zeugen Geschirr und Einrichtungsgegenstände, edle Papiertapeten und ein Tanzkabinett mit Panoramablick in den Park.

Nur etwa eine Stunde dauert der Rundgang. Viel haben Kriege, Krisen und der Kommunismus nicht übrig gelassen. Was heute zu sehen ist, verdankt sich der Restaurierung durch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die erst 2009 abgeschlossen war.

Das Schloss hat im Lauf der Jahrhunderte unterschiedliche Funktionen gehabt. Das dunkelste Kapitel: Von 1938 bis 1941 nutzten es die Nationalsozialisten als Lager und für den Verkauf „entarteter Kunst“. 1950 kam Wilhelm Pieck, nach dessen Tod 1960 wurde das Schloss zum Gästehaus der DDR-Regierung umgebaut. Staatsgrößen von Fidel Castro über Gaddafi bis Gorbatschow schliefen hier. Erich Honecker veranstaltete Staatsbankette. Einen Teil der dafür umgestalteten Räume hat man in diesem Zustand belassen. Piecks Arbeitszimmer und die Schlafräume der Staatsgäste zeigen, wie die sozialistischen Größen den feudalen Repräsentationsort für sich uminterpretierten.

Beredt sind auch Kleinigkeiten. So stattete man das größte Schlafgemach nur für männliche Staatsgäste aus, als ob es keine Frauen an der Spitze eines Landes gäbe. Indira Ghandi kam trotzdem, übernachtete aber nicht hier. Skurril ist das leuchtend lila gekachelte Badezimmer im Stil westdeutscher Bäder der 60er-Jahre. Ein Hohn für manche Besucher, die die DDR-Mangelwirtschaft erlebt haben. Im real existierenden Sozialismus musste jede Kachel und jedes Rohr mühsam ertauscht werden.

Der Schlossgarten ist bis heute ein Geheimtipp, weil nicht so überlaufen. Die Alleen, die den Garten strukturieren, stammen noch aus der Zeit Elisabeth Christines. Der große Gartengestalter Peter Jospeh Lenné legte um 1829 die Pergola an der Südseite des Schlosses an. Der heutige Park-Rundgang führt zu Teehaus und Regenpavillon, vorbei an Seerosenbecken und alten Eichen.

Auf dem Rückweg liegt Kuchenduft über der Ossietzkystraße. Zum Glück! Das Café Rosenrot bewahrt uns vor einem Ende, wie es „Bolle“ einst auf seinem Ausflug nach Pankow nahm. „Nicht mal ’ne Butterstulle / hat man ihm reserviert“, heißt es im Lied. Es endet mit Prügel. Wir aber reisen bei Kaffee, Kuchen und, wirklich: Klappstullen! friedlich zurück in die Gegenwart.