Kulturmacher

Ein Schweizer macht Theater

Seit 2003 sorgt Schauspieler und Regisseur Georg Scharegg für frischen Wind in der Freien Szene und macht bei seinen Inszenierungen im Theaterdiscounter keine Kompromisse

Egal, welche Funktion Georg Scharegg gerade ausübt, er ist durch und durch Theatermensch. Eines seiner vordringlichsten Ziele: „Wir müssen den Live-Moment im Theater so wertvoll machen, dass sich die Menschen gern zu uns auf den Weg machen.“

Er war viele Jahre lang Schauspieler. Dann verlegte er sich auf die Regie. 2003 gründete er mit dem heutigen Schaubühnen-Regisseur Patrick Wengenroth und weiteren Gleichgesinnten den Theaterdiscounter in Mitte. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Hauses an der Klosterstraße, führt Regie und teilt sich mit Michael Müller die künstlerische Leitung.

Obwohl das Theater in unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz liegt, ist die Klosterstraße durch die mehrspurige Grunerstraße regelrecht vom Trubel abgeschnitten. In der ruhigen Gegend gibt es keine Laufkundschaft. „Es ist nicht gerade die heiße Meile. Ein paar Kneipen um die Ecke wären sicherlich toll. Aber wir sind mit einer U-Bahn-Station direkt vor der Tür günstig angebunden“, sagt Scharegg.

Ursprünglich war der Theaterdiscounter wesentlich zentraler beheimatet. Die Betreiber waren Untermieter des legendären WMF Clubs in der Packhalle des Telegrafenamtes an der Monbijoustraße. „Wir hatten einen Raum zum Proben und als Lager gesucht. Plötzlich mussten wir die anfangs sehr schlecht eingerichtete Halle regelmäßig bespielen, um die Miete dafür aufbringen zu können“, erinnert sich Scharegg. Als das Gebäude im Februar 2008 geschlossen wurde, bot wiederum der WMF Club dem Theater an, mit in die neuen Räumlichkeiten im ehemaligen Telegrafenamt unweit des Alexanderplatzes zu gehen.

Soljanka-Gelage

Der Club ist weitergezogen. Doch der Theaterdiscounter nutzt seither die gesamte zweite Etage des heute bis unters Dach vermieteten Atelier-Hauses und ist dort seinem offenen Raumkonzept mit einer 370 Quadratmeter großen, komplett flexibel zu bespielenden Halle treu geblieben. Gezeigt wird zeitgenössisches Theater in Eigenproduktionen, aber auch erfolgreich etablierte, überregional tourende Formate sowie diverse Festivals.

So gibt es aus aktuellem Anlass das „Mauerfälle Festival“ vom 1. bis 8. November. Krönender Abschluss wird ein Festbankett mit Soljanka-Gelage an einer großen Tafel sein. „Neben 25 Liebesgedichten aus der DDR gibt es Musik, sogar einen Zwangsumtausch und Fernsehen aus der DDR und der Bundesrepublik von 1961 bis 1989“, sagt Scharegg. Dabei werden wohl auch Wildwestfilm-Produktionen aus beiden Teilen des Landes zu sehen sein.

Mit derlei ungewöhnlichen Events und innovativen Inszenierungen ist es dem Haus in den elf Jahren seines Bestehens gelungen, sich ein treues Stammpublikum zu erspielen. Und es kommen stetig neue Zuschauer hinzu. Dafür setzt der Theaterdiscounter auf eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, vor allem in den sozialen Netzwerken. Ein Muss heutzutage. Freie Theater haben es bekanntlich nicht leicht, sich gegen die riesige Konkurrenz von Veranstaltungen in Berlin durchzusetzen.

Für sein Bühnenprogramm erhält das Haus eine Konzeptförderung von 270.000 Euro im Jahr. Das gibt bei der Planung Sicherheit. Gleichwohl kann man damit bei einem ganzjährigen Spielbetrieb keine großen Sprünge machen. Wenn möglich, werden Koproduktionen angestrebt. Alle Akteure auf und hinter der Bühne arbeiten auf Honorarbasis. Sie haben nebenher noch andere Jobs und Engagements.

Dennoch weiß Scharegg die Vorteile, die ein eigenes Haus bietet, durchaus zu schätzen: „Während andere Theater oft in ihren Sehgewohnheiten festgefahren sind, nutzen wir im Theaterdiscounter unsere künstlerischen und ästhetischen Freiheiten. Dabei müssen wir keine Kompromisse machen. Außerdem ist der Energieverschleiß bei uns durch die bestehende Infrastruktur und Kontinuität der Arbeit sehr viel geringer.“

Der gebürtige Schweizer Scharegg, Jahrgang 1960, ist mit seiner Bühnenleidenschaft genau am richtigen Ort. Der Weg dorthin war lang. Ländlich aufgewachsen nahe Chur im Kanton Graubünden, war für ihn schon zu Schulzeiten klar, dass es beruflich Richtung Literatur und Theater gehen soll. Zunächst studierte er Literaturwissenschaften in Zürich, war dort aber schon als Schauspieler und Regieassistent tätig. Danach hatte er in Deutschland Schauspiel-Engagements an verschiedenen Stadttheatern. 1993 ging Scharegg nach Berlin. Er spielte zwar noch in Filmen und am Theater, orientierte sich aber bald neu und führte selbst Regie.

Ein Familienmensch

Mittlerweile ist Georg Scharegg ein umtriebiger Kulturschaffender. Wenngleich er in seiner Freizeit ein Familienmensch ist, geht es auch privat recht turbulent bei ihm zu. Seine Kinder sind ein und vier Jahre alt. Zudem wohnt die Familie im Kiez zwischen Graefestraße und Kreuzkölln. Zwar sind Kneipenabende nicht mehr sein Ding, das bunte Angebot im In-Viertel genießt er dennoch. In den kleinen Läden gibt es ebenso viel Neues auszuprobieren wie im Theaterdiscounter mit seinem abwechslungsreichen Programm.

Dem Theater könnten bald noch mehr Zuschauer zukommen, denn Scharegg und sein Team erwägen, ob sie die ohnehin schon moderaten Eintrittspreise noch stärker senken. „Die Schwelle, zu uns zu kommen, soll in jeder Hinsicht niedrig sein“, so Scharegg. „Wir wollen ein Theater für alle sein.“

Theaterdiscounter Klosterstraße 44, Mitte, Tel. 28 09 30 62, www.theaterdiscounter.de