Bühnencheck

Hauptsache unentschlossen

Eine TV-Nachrichten-Redaktion irgendwo in Berlin. Statt Fakten zu recherchieren, denkt man kollektiv über eine Schlagzeile nach, die kompatibel ist mit allen Werbeverträgen des Senders.

Die Fakten werden dabei für die Quote und die Zufriedenheit der Werbekunden zurechtgebogen. Aber wo bleibt da die Meinungsbildung durch die Medien? Längst überholt. Der Zuschauer schaltet schließlich am liebsten vor der Mattscheibe ab und lässt sich sagen, was er zu meinen hat. Das finden jedenfalls die Charlottenburger Stachelschweine.

Der Gedanke, auf den sich alle einigen können, lautet: „Deutschland sagt JEIN!“ Dies ist auch der Titel des neusten Programms der Kabarettisten zum 65-jährigen Jubiläum. Sie erklären, sich nicht festzulegen und unentschlossen zu bleiben sei mittlerweile gängige Praxis hierzulande. Die Bürger mag das verunsichern, aber die Politik halte sich nun mal gern alle Optionen offen.

Linus Höke hat eine gewitzte Sketchfolge ausgeheckt, die Regisseurin Tatjana Reese sehr frisch und heutig inszeniert hat. Wieder einmal brilliert vor allem Publikumsdarling Birgit Edenharter, etwa als einsame Demonstrantin. Ob gegen Bomben auf Gaza, deutsche Soldaten in Afghanistan oder für den Mindestlohn: Ihr wird das Wort im Mund umgedreht, bis sie nur noch gegen die Schließung der Kiez-Metzgerei protestiert. Pointiert ist, wie Kristin Wolf verzweifelt, als ihr islamistischer Sohn ins Ausland will. Der Kollege in der Redaktion, Neu-Stachelschwein Alexander Pluquett, findet den Terroristen-Job durchaus abwechslungsreich. Alles habe sein Für und Wider, meint Holger Güttersberger in der Selbsthilfegruppe der „Anonymen Unentschlossenen“, ob Frauenquote oder Atomausstieg. Therapiert werden darin ausschließlich Politiker. Aber ohne Erfolg. Denn es sei egal, wen man wählt, so die Kabarettisten: „Es ändert sich nichts und das mit Entschlossenheit!“

Stachelschweine Europa-Center, Tauentzienstr. 9–12, Tel. 261 47 95, Di.–Fr., 20 Uhr, Sbd., 18 Uhr. Karten kosten 17-31 Euro, erm. 13–15 Euro