Drama

Im Zweifel für den Anverwandten

Vater-Sohn-Drama als Schauspielerduell zwischen Robert Downey Jr. und Robert Duvall: „Der Richter“

Ein Großstädter kehrt in die Kleinstadt seiner Kindheit zurück. Er ist gestresst vom Arbeitsalltag, komplexbeladen wegen irgendwelcher unverarbeiteter Familiengeschichten, muss aber einen nahen Angehörigen beerdigen. Er trifft alte Freunde und Feinde wieder, gräbt ein wenig nach den eigenen Wurzeln, nur um sich irgendwann in ihnen zu verhaken, über sie zu stolpern. Er verletzt sich, grummelt missmutig „Hier wird sich nie etwas ändern“ und wartet, zwangsentschleunigt, auf wundersame Heilung.

„Beautiful Girls“, „Elizabethtown“ und „Young Adult“ bedienten in den vergangenen Jahren dieses Genre. Es waren stets Filme, die zwischen Sarkasmus und Zärtlichkeit schwankten, ihre inhaltliche Schwächen wurden ausgeglichen durch die Autorität ihres spürbar persönlichen Anliegens und herausragende schauspielerische Leistungen. All das findet sich nun auch in „Der Richter“, der in deutschen Kinos das Anhängsel „Recht oder Ehre“ verpasst bekam. Mehr noch als jene pathetischen Begriffe zeichnet „Der Richter“ allerdings aus, dass es in ihm nicht nur um einen Mann namens Joseph Palmer geht, der im Städtchen Carlinville in Indiana den Beruf des Richters ausübt. Palmer (Robert Duvall) hat auch drei erwachsenen Söhnen, die ihren Vater bezeichnenderweise nicht mit „Papa“ ansprechen. Sie nennen ihn schlicht „Richter“ und sie tun es mit einer eigentümlichen Mischung aus Gewohnheit, Respekt und unterschwelliger Ironie.

Glen (Vincent D’Onofrio) ist der ewige Lieblingssohn, der sich in jungen Jahren einen ganzen Schrank voller Sporttrophäen erkämpft hat und nur durch einen tragischen Unfall von einer glänzenden Baseball-Karriere abgehalten worden war. Dale (Jeremy Strong), der jüngste Sohn, ist Autist, weshalb der Richter ihm nachsieht, dass er mit seiner Leidenschaft für die Amateurfilmerei und der Neigung zu unbedachten, aber ins Schwarze treffenden Kommentaren zum Chronisten und Sprecher seiner Familie geworden ist. Und dann wäre da noch Henry (Robert Downey Jr.). Er lebt im ziemlich weit entfernten Chicago als Prachtexemplar eines recht gewissenlosen Anwalts, der mit Vorliebe schuldige Klienten zu einem Freispruch verhilft, weil die ihn wenigstens bezahlen können.

Gleich zu Beginn pinkelt er einem gegnerischen Kollegen an der Latrine des Gerichtsgebäudes über die Schuhe. Wenige Minuten später erhält Henry den Anruf aus Carlinville. Die Mutter ist gestorben. Er muss zurück zu seinen Brüdern, zum Richter. Henry ist der Sohn, der seinem Vater am ähnlichsten sein wollte und sich am weitesten von ihm entfernt hat. Die beiden wechseln selbst beim Begräbnis kaum einen Blick. Henry ist schon auf dem Weg zurück, da klingelt das Telefon noch einmal. Die Polizei steht beim Richter vor der Tür. Joseph Palmer wird verdächtigt, einen verurteilten Mörder, der gerade aus der Haft entlassen worden war, vorsätzlich überfahren zu haben. Wer sollte ihn verteidigen, wenn nicht sein Sohn Henry?

Für Robert Downey Jr. ist diese Rolle wahrhaft ein Geschenk. Frei von Manierismen und Eitelkeit macht der „Iron Man“ die Spannung eines Mannes, der seinen größten Kampf mit sich selbst auszumachen hat, in nahezu jeder Szene spürbar. Das direkte Duell mit Robert Duvall beschränkt sich auf wenige Szenen. Sie entwickeln sich im Laufe des Films von einer nahezu emotionslosen Konfrontation zum gemeinsamen Spiel. Wir haben es hier mit großem Schauspielerkino zu tun, das in adäquate Bilder umgesetzt wurde. Umso verwunderlicher und ärgerlicher ist, dass Regisseur David Dobkin ausgerechnet an einigen neuralgischen Punkten das Gespür für die richtige Tonlage abhanden kam.

Viel zu vorhersehbar greift da manches dramaturgische Mittel in das andere, jede blitzsauber inszenierte Andeutung auf Kommendes erfüllt sich so akkurat, das man zwischendurch nicht mehr das Gefühl hat, etwas erzählt zu bekommen. Vielmehr scheint da ein eigentlich großartiger Film auf einer perfekt konstruierten Storytelling-Streckbank zu liegen, die immer weiter anzieht, bis dem Publikum in der finalen Verhandlung irgendwann tatsächlich ein unfreiwillig komisches, kollektives „Huch!?“ entfährt. Der Hammer fällt, das Urteil muss leider uneindeutig bleiben.

Drama: USA 2014, 141 min., von David Dobkin, mit Robert Downey Jr., Vera Farmiga, Robert Duvall

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