Docu-Fiction

Wer ist eigentlich Nick Cave?

Ein Künstlerpaar dreht eines der wahrhaftigsten Musiker-Porträts aller Zeiten: „20.000 Days on Earth“

Eigentlich ist „20.000 Days On Earth“ ganz zufällig entstanden. Nick Cave, der australische Rocksänger, Komponist und Romanautor, hatte Jane Pollard und Iain Forsyth im Sommer 2012 nach Saint-Rémy-de-Provence eingeladen, um dort Promo-Material für sein Album „Push The Sky Away“ zu drehen. Cave fand die Aufnahmen der beiden Filmemacher so großartig, dass er ihnen die Möglichkeit anbot, eine Dokumentation über sein Leben und seine Kunst zu drehen.

Herausgekommen ist dabei jedoch mehr als das übliche, scheinbar beiläufige Beobachten einer berühmten Persönlichkeit. „Einem Rockstar dabei zuzusehen, wie er den Abwasch macht, wäre nur eine stumpfsinnige Art von Promi-Verfolgung“, bemerkt Iain Forsyth dazu.

In ihrem Dokumentarfilm verbinden Pollard und Forsyth Realität und Fiktion, sie inszenieren Begegnungen, Musikerkollegen erinnern sich an die Zusammenarbeit mit Nick Cave. Als Ort dieser Begegnungen haben sie Caves elegante Jaguar-Limousine gewählt. Blixa Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten und viele Jahre Gitarrist in Caves Band The Bad Seeds, die Pop-Ikone Kylie Minogue, mit der Cave seinen einzigen Single-Hit „Where The Wild Roses Grow“ feierte, und der Schauspieler Ray Winstone, der in dem von Cave geschriebenen Film „The Proposition – Tödliches Angebot“ aus dem Jahr 2005 mitgespielt hat, plaudern mit Cave bei diesen improvisierten Fahrten und schaffen durch den begrenzten Innenraum des Autos eine besondere Intimität.

Die gleiche Nähe entsteht auch bei Caves Besuch im Landhaus seines Freundes Warren Ellis. Der rauschebärtige Geiger der Bad Seeds bereitet ein Mittagessen zu, und dabei unterhalten sich beide so ungezwungen, als wäre keine Kamera in ihrer Nähe. Es geht in dieser Situation nicht darum, ihre künstlerische Partnerschaft auszuloten, sondern nur zu zeigen, wie vertraut diese beiden Musiker miteinander sind.

Cave selber fungiert als Sprecher und Erzähler. Er erinnert sich an frühe musikalische Erfahrungen mit seiner Band Birthday Party, erzählt von seiner Drogensucht und wie er seine Frau Suzie kennengelernt hat; er reflektiert seine künstlerische Arbeit, erklärt seine Weltsicht und seine Art des Songschreibens.

Caves Offenheit zeigt sich bei einem Besuch des berühmten Psychoanalytikers Darian Leader, bei dem er sich auf die Couch legt und an Kindheit, Jugend und den schmerzhaften frühen Tod seines Vaters denkt. Der Zuschauer erfährt in „20.000 Days On Earth“ eine Menge über den Künstler und über den Menschen Nick Cave, aber es bedarf auch einiger Kenntnisse über das Werk dieses bedeutenden Musikers.

Erklärungen, wie sonst in Dokumentationen oft üblich, gibt es in diesem Film nicht. Doch Forsyth und Pollard kommen sehr dicht an Nick Cave heran. Das macht ihre Doku-Fiktion so außergewöhnlich.

Docu-Fiction: USA 2014, 96 min., von Ian Forsyth und Jane Pollard, mit Nick Cave

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