Kulturmacher

Das Gegenteil von Fernsehen

Sascha Rybnicki ist der Theaterleiter des Zoo Palasts. Das Filmtheater im Zentrum der City-West eröffnete im November vergangenen Jahres neu. Zu Berlin gehört es seit 1957

Für die Mutter von Sascha Rybnicki ist der Arbeitsplatz ihres Sohnes ein Highlight. „Ich kenne den Zoo Palast seit 25 Jahren – vorher aber schon aus Erzählungen. Meine Mutter hat schon immer von diesem Haus geschwärmt“, sagt Sascha Rybnicki. Oft begannen ihre Erzählungen mit: „Früher, als wir noch mit der Ringbahn in den Westen konnten...“ Nun, da ihr Sohn seit November vergangenen Jahres der Theaterleiter des traditionsreichen Hauses an der Hardenbergstraße ist, führt ihr Weg sie auch immer wieder dorthin. Wie so viele andere Berliner, die Erinnerungen an das 1957 eröffnete Lichtspielhaus haben.

„Die Zürcher Verlobung“ war Ende der 50er-Jahre der Eröffnungsfilm. Seitdem hat das Haus im Herzen Berlins viel erlebt. Es wurde schnell zum wichtigsten Lichtspieltheater der Stadt und war von Anbeginn bis 1999 die Heimat der Berlinale. Prachtvolle Filmpremieren, große Stars – alle wollten in den Zoo Palast. Doch dann wurde es etwas ruhiger. Kurz vor dem Jahreswechsel 2011 schloss der Palast.

Bis Hans Joachim Flebbe kam. Mit seinem Faible für schöne traditionsreiche Filmsäle fand der bekannteste Kinomacher Deutschlands an den denkmalgeschützten Räume des Zoo Palasts schnell Gefallen. Zwei Jahre wurde renoviert und restauriert. „Alte Kinos, neuer Glanz“, fasst Sascha Rybnicki die Leidenschaft Flebbes zusammen. Jeden Montag telefonieren die beiden. „Intensiv“, sagt Sascha Rybnicki und lacht. „Bei der Filmauswahl ist er aktiv beteiligt.“ Mitgestalten, das sei Flebbe wichtig. „Zu Premieren kommt er dann aber als Gast“, sagt der Theaterleiter.

Der unfassbare Wasservorhang

Sieben Säle hat der Zoo Palast. Insgesamt 1650 breite Ledersessel mit verstellbarer Rückenlehne, in der ersten Reihe gibt es sogar Liegesessel. Roter Samt an den Wänden, an einigen Plätzen Bedienung. Der Zoo Palast ist mehr ein Theater, weniger ein Kino. „Deswegen bin ich auch der Theaterleiter“, sagt Sascha Rybnicki. „Die Formulierung ist ein echter Klassiker, kein Neudeutsch.“ Diese Hommage an die großen Zeiten der Filmtheater der 50er-und 60er-Jahre, an deren Atmosphäre und die stilvolle Architektur der damaligen Zeit, trifft auf moderne Technik.

Kinosaal 1 ist mit 800 Sitzen der größte Saal in Berlin. Und dann ist da noch dieser Wasservorhang. Wer den erleben möchte, muss die 17-Uhr- oder die Hauptvorstellung im großen Saal besuchen. Versprochen ist: Wer diese kurze „Show“ vor dem Film erlebt, hat mindestens eine Gänsehaut. Danach läuft einer der fünf bis sechs neuen Filme, die jede Woche auf den Kinomarkt kommen und die es in den Montagstelefonaten auf die Programmliste der beiden Kino-Liebhaber geschafft haben.

„Natürlich zeigen wir auch die Blockbuster, daran kommen wir ja gar nicht vorbei“, sagt Sascha Rybnicki. Neu im Programm sind aber seit kurzem die Originalverfilmungen und Originale mit Untertitel in den Spätvorstellungen. Ansonsten hat eigentlich jeder Film die Chance, im Zoo Palast gezeigt zu werden. „Außer vielleicht Kettensägenmassaker und Ähnliches“, sagt Sascha Rybnicki und lächelt.

Eines seiner ganz persönlichen Highlights auf der Leinwand ist übrigens „Mission“ aus dem Jahr 1986. „Auch die Filmmusik von Ennio Morricone ist einfach toll“, schwärmt der Theaterleiter. Außerdem spielt sein „absoluter Favorit“ mit: Robert de Niro.

Sascha Rybnicki ist ein leidenschaftlicher Filmliebhaber. Das war er schon immer. Dennoch hat er nach der Schule „ganz bodenständig den Beruf des Kochs erlernt“. Er arbeitete in verschiedenen Berliner Hotels und entschied sich irgendwann, Betriebswirtschaft zu studieren. „Aber das Kino hat mich schon immer begeistert“, sagt der 43-jährige Berliner. „Aber ich konnte mir, ehrlich gesagt, nie vorstellen, was ein Kino-Mensch so macht den ganzen Tag.“

Ende der 90er-Jahre entstanden in der Stadt viele neue Kinos. Über die Verbindung Kino, Veranstaltung, Essen kam Rybnicki dann auch in seine ganz eigene Kinowelt. „Damals fing ich im Cinemaxx an, bei Hans Joachim Flebbe also.“

Sein weiterer Weg führte ihn dann von außen immer tiefer ins cineastische Berlin. Lange war Sascha Rybnicki in Hohenschönhausen, dann im Cinestar in Treptow oder auch am Potsdamer Platz. Im vergangenen November dann der Sprung in den Zoo Palast. „Ich war so froh, weil es einfach das allerschönste Kino der Stadt ist.“ Und ein ziemlich gut besuchtes: Rund 600.000 Besucher kommen pro Jahr in den Zoo Palast – „dabei sind wir mit unseren 1650 Plätzen ja eher ein kleines Haus im Vergleich zu den anderen Kinos“, sagt Sascha Rybnicki stolz.

Ein eher kleines Haus

Mit einem offenbar guten Gespür für Menschen und Filme macht Rybnicki im Zoo Palast Programm. Die Besucher sollen einen entspannten Abend oder Nachmittag im Kino verbringen, am besten ganz ohne Hektik. „Beschwingt und mit freiem Kopf sollen sie anschließend heimgehen.“ Für sein Haus wünscht er sich, „dass der Film die Hauptrolle spielt. Aber der Zoo Palast soll auch glänzen. Wir wollen uns abheben in der Kinolandschaft.“

Das gelingt. Auch Touristen bauen oft einen Besuch des Zoo Palasts in ihren Berlin-Aufenthalt ein. „Amerikanischen Besuchern gefällt zum Beispiel dieses 50er-Jahre-Design“, sagt Rybnicki. Deshalb wird der Zoo Palast auch bei Film-Premieren gut angenommen, die Stars aus Amerika kommen gerne.

Und viele Berliner kommen gerne. Manchmal auch einfach nur bis in die Empfangshalle und erinnern sich dann an all die außergewöhnlichen Film-Momente, die sie dort erlebt haben. Und das Schöne ist, dass auch diese Geschichten immer weiter erlebt und dann erinnert werden können. Dann wird, wie für Sascha Rybnickis Mutter, das Kino selbst zum Ort eigener Geschichten.