Kulturmacher

Die Burg-Herrin

Seit 24 Jahren ist Andrea Theissen die Museumschefin der Zitadelle. Sie zeigt in dem historischen Gemäuer Spandauer Stadtgeschichte – und bald auch Berlins Denkmäler

Die Kindergartengruppe ist beeindruckt. Zugbrücke, Burggraben und sogar Schwäne – für die Vier- und Fünfjährigen, gerade erst angekommen, hat sich der Ausflug nach Spandau jetzt schon gelohnt. In ihren Augen dürfte Andrea Theissen so etwas wie einen Traumberuf haben: Wer sonst darf auf einer Festung arbeiten? „Es ist ein wunderbarer Job“, das sieht Andrea Theissen ganz genauso. Seit 24 Jahren ist sie Museumschefin auf der Zitadelle, seit sie vor 20 Jahren zusätzlich Leiterin des Kunstamts Spandau wurde, auch Hausherrin.

Als Andrea Theissen sich 1990 um die Stelle als Museumsleiterin bewarb, gab es das Museum noch gar nicht, und in den Festungsbauten hatten nach Jahren des Verfalls gerade die Sanierungsarbeiten begonnen. „Großartig“ sei das gewesen, versichert sie. „Wir hatten die einmalige Chance, die Grundausstattung zu entwickeln.“ Weil es in den künftigen Museumshallen im ehemaligen Zeughaus noch nichts gab, suchte sie sogar die Vitrinen und die Beleuchtung selbst aus, während sie zugleich die Bestände des mittelalterlichen Stadtarchivs und des Magazins der Zitadelle durchforstete und mit den Leitern anderer Berliner Museen über Leihgaben verhandelte.

Und auch wenn sie nach ihrem Lehramtsstudium vorher schon an Museen gearbeitet und Ausstellungen konzipiert hatte: Jetzt selbst für alles verantwortlich zu sein, war eine Aufgabe von ganz anderen Dimensionen. „Es sollte etwas sein, das 20 Jahre Bestand hat, und das hat funktioniert“, sagt sie. „1992 haben wir das Museum eröffnet, 2012 haben wir angefangen, alles neu zu machen.“ Jetzt musste sie schweren Herzens mehr Aufgaben delegieren. Als Leiterin des Kunstamts blieb ihr weniger Zeit, „aber ein oder zwei Vitrinen habe ich natürlich doch selbst eingerichtet“, sagt sie.

Ringen um den Blumentopf

Auch nach der Neugestaltung zeigt die Dauerausstellung im Erdgeschoss die Spandauer Stadtgeschichte. Viele Objekte sind weiterhin zu sehen, die Schusterwerkstatt eines englischen Modellbauers zum Beispiel. Drei lebensechte Puppen zeigen die beengten Lebens- und Arbeitsverhältnisse einer Handwerkerfamilie im Mittelalter, durch das Fenster blickt der Museumsbesucher auf die Straße mit brandenburgischen Fachwerkhäusern. „Ich war zuerst gar nicht einverstanden mit dem Blumentopf auf der Fensterbank im Haus gegenüber“, erinnert sich Andrea Theissen. „Für so etwas hatten die Menschen im Mittelalter doch gar keine Zeit.“ Anhand von mittelalterlichen Zeichnungen ließ sie sich überzeugen, der Topf blieb – und der Modellbauer hatte einen Eindruck gewonnen, wie sehr die Museumschefin noch auf das kleinste Detail achtete.

Neu hinzugekommen sind vor allem Objekte, die ursprünglich für eine Sonderausstellung ins Haus gekommen waren. Wie der Hudson Essex, ein amerikanischer Oldtimer, der in den 20er-Jahren in Einzelteilen nach Deutschland verschifft und in Spandau zusammengebaut wurde. Das Auto kam ursprünglich für die Sonderausstellung zum „Fahrzeugbau in Spandau“ 1994 auf die Zitadelle. „Es wäre zu schade gewesen, diesen wunderbaren Wagen nicht dauerhaft zu zeigen“, sagt die Museumschefin.

Die vielleicht wichtigste Neuerung aber liegt noch vor Andrea Theissen und ihrem Team: Im Frühjahr 2015 eröffnet die Ausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“. Neben der Museumshalle stehen die Standbilder, die einst die Siegesallee im Tiergarten säumten, und warten auf den Umzug in die neun Meter hohen Hallen des ehemaligen Proviantmagazins. Erst einmal müssen sie gereinigt werden: „Die Figuren wurden einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zum Schutz vergraben und erst nach mehr als 20 Jahren wieder ausgegraben“, sagt Andrea Theissen. Einige sind in der Nachkriegszeit verschwunden. Von einem Teil der Büsten wisse man, wo sie gelandet sind, über sie werde verhandelt: „Aber ich bin überzeugt, dass noch weitere irgendwo hier in Berlin in Wohnzimmern oder auf den Balkonen stehen.“

Für Diskussionen hat allerdings ein anderes Objekt gesorgt: der Lenin-Kopf, Teil des Lenin-Denkmals in Friedrichshain. Nach dem Fall der Mauer wurde es abgebaut und in der Seddiner Heide vergraben. Andrea Theissen wollte den Kopf für ihre Ausstellung – und sah sich unerwarteten Widerständen im Senat gegenüber: Es sei unklar, wo Kopf und übrige Teile der Skulptur genau liegen, die Teile müssten zusammen bleiben, der Aufwand sei zu groß, die Kosten unüberschaubar. Andrea Theissen blieb hartnäckig, bis der Senat schließlich zustimmte. Der Kopf wird kommen.

Ein Sommertag im Jahr 1907

Ein Museum zum Anfassen soll die neue Ausstellung werden. „Die Skulpturen dürfen berührt werden“, verspricht Andrea Theissen. Bilder, Licht und Geräusche werden an einen Sommertag im Tiergarten im Jahr 1907 erinnern, eine Bank, wie sie einst im Halbrund ein Denkmal umgab, wird nachgebaut.

Die neue Ausstellung ist „ein ganz entscheidender Baustein“ für die Zitadelle und ihre Chefin: Eine Ausstellung mit überregionaler Ausstrahlung ist wichtig für das mit Landes-Millionen sanierte Bauwerk. Die Besucher, die der Skulpturen wegen nach Spandau kommen, will Andrea Theissen natürlich auch in die anderen Bereiche des Museums locken, in denen der museumspädagogische Bereich ausgebaut wird. Außerdem gibt es Überlegungen, wie der wenig ansprechende Weg zwischen U-Bahn-Station und Zitadelle neu gestaltet werden kann. Die Festungschefin hat noch viel vor, bis sie 2017 in Rente geht.

Bei aller Wehmut freut sie sich schon auf mehr Freizeit. Ein Traumjob sei die Aufgabe auch nach 24 Jahren noch, sagt Andrea Theissen. „Aber er fordert eben die ganze Frau. Irgendwann braucht man mal eine Ruhepause.“ Wieder mehr forschen wolle sie, sich Zeit zum Malen nehmen, „und auf die Zitadelle kann ich ja trotzdem kommen, als Besucherin“.