Berliner Perlen

Alte Brillen machen sexy

Es muss nicht immer das dicke schwarze Nerd-Gestell sein. Wer bei „optiKing“ in Prenzlauer Berg einkauft, sucht das Extravagante. Der Laden bietet Vintage-Modelle jeder Art

Ben Dennhardt hat vor sieben Jahren seinen Brillenladen „optiKing“ an der Eberswalder Straße eröffnet. Im Schaufenster rekeln sich skurrile Barbiepuppen mit markanten 60er-Jahre Sonnenbrillen auf Mini-Sonnenstühlen. Schlendert man im Dunkeln vorbei, versucht ein Laserstrahl die Aufmerksamkeit der Fußgänger auf den Laden zu ziehen.

Dennhardts Schwäche sind Vintage-Brillen jeglicher Art. Er selbst bezeichnet sich als „Brillenfanatiker“. Das ist auch an der ausgefallenen Dekoration des Ladens zu erkennen. Die Wände sind voll mit kolorierten Bildern einer brillierten Sophia Loren oder schwarz-weißen Werbeplakaten, die eine Sonnenbrillenkollektion von Dior aus den 60er-Jahren präsentieren.

Schon als Teenager ist er an jedem Brillenständer hängen geblieben. Genauso bunt durchmischt wie die Brillenständer, die der Geschäftsführer seit seiner Jugend streifte, ist auch das Angebot bei „optiKing“. So gibt es Wandregale mit übergroßen Sonnenbrillen für Diven, wie sie in den 70er-Jahren viel getragen wurden. Oder Vitrinen voller Modelle in grellen Farben, die heute eher an Fasching erinnern als an Disco und Glamrock. Auf einem Tisch daneben kann man alte Carrera-Modelle sehen.

Geht es nach Dennhardt, sollte man nicht zwischen Männer- und Frauenbrillen unterscheiden. Acht von zehn seiner Kundinnen verlassen seinen Shop mit Herrenmodellen. „Die maskulinen Brillen sind oft schlichter designed und deshalb sehr beliebt bei den Damen“, sagt er. Strasssteine und Schnörkeleien bei den Damenbrillen seien für sehr weibliche Gesichter oft „too much“.

Geschmack auch ohne Ausbildung

Eine Ausbildung als Optiker hat der gebürtige Magdeburger nicht gemacht. „Learning by doing“, sagt er, „ich lerne jeden Tag Neues.“ Mittlerweile wisse er fast auf den ersten Blick, welche Nasen- und Kieferformen zu welcher Brille passen. Angefangen hat der 34-Jährige als gelernter Telekommunikationsberater, kam dann von der Immobilienbranche über den Pharmabereich zu seinem heutigen Job.

Bei „optiKing“ gibt es rund 300 Gestelle, von den 50er- bis zu den 90er-Jahren. Das Gestell gibt es bei Dennhardt, die Gläser mit passender Sehstärke beim Optiker. Jedes Gesicht sei ein Puzzleteil und mit der passenden Brille werde es vollendet, so Dennhardt. „Man kauft doch Brillen, um damit besser auszusehen.“ Einige Leute trügen Brillen nur, um im Job seriöser zu erscheinen.

„Mit der richtigen Brille kann man eben aus jedem etwas machen“, sagt er. Von Trends hält Dennhardt nicht viel. „Die Brille muss zum Typ passen. Dann sieht man auch gut damit aus.“ Es interessierten nicht Marke oder Name des Modells. Momentaner Renner seien runde Modelle im John-Lennon-Style. Aber die stünden eben nicht jedem. „Viele Leute wollen auch einfach nur auffallen“, sagt Dennhardt.

Er versuche, in den Menschen hineinzugucken, um das Passende zu finden. Eine junge Kundin, die gerade eine Brille probiert, fragt er: „Sexy oder süß?“ Er meint, wie die Brille wirken soll. Dennhardt huscht zu einem Regal und setzt ihr ein neues Modell auf: „Mit der wird man dir nachgucken, die andere betont das Mädchenhafte an dir.“

Wenn er durch die Straßen geht, bemerke er oft, wie unnatürlich Brillen an ihren Trägern wirken: „Die Leute denken, ich gaffe ihnen nach, dabei will ich nur die Brille sehen.“

Massenabfertigung wie bei den großen Ketten gebe es bei „optiKing“ nicht. Dennhardt zählt nach eigenen Angaben sogar einige Filialleiter dieser Unternehmen zu seinen Stammkunden. Die richtige Beratung mache den Unterschied: „Ich hab da Bock drauf, deswegen mache ich das auch alles allein“, sagt er salopp.

Bloß keine billige Kopie

Auf die Exklusivität legt Ben Dennhardt Wert: „Wer hat Lust auf eine Brille, die jeder Zweite auch trägt?“ Er liebt das Extravagante. Sein Geheimnis lautet: Vintage, ein Modell also aus vergangenen Zeiten. Während Retro nur eine billige Kopie beschreibe, bedeute Vintage immer Original. Sein Angebot bestehe nur aus ungetragenen Brillen.

Aber warum alte Brillen? „Früher war die Qualität fast jeder Marke viel höher“, so Dennhardt. Das Material war in der Zeit des Brillenbooms in den 60er-, 70er-Jahren günstiger im Einkauf und wurde deshalb verschwenderisch eingesetzt. Einige gute Firmen existieren noch heute wie Persol oder Cazal. Seine Lieblingsmarke Dunhill gibt es nicht mehr. „Da waren echte Uhrmacher am Werk, die haben an alles gedacht“, sagt er.

Über seinen Onlineshop und Ebay verkauft Dennhardt in die ganze Welt. Amerikaner, Australier und Japaner mögen seine historischen Gestelle. Oft hätten die Händler, von denen er seine Ware bezieht, die Brillen nur behalten, weil sie damals keiner kaufen wollte.

„optiKing“ Eberswalder Str. 34, Prenzlauer Berg, Tel. 47 37 24 88, geöffnet von Montag bis Sonnabend 10 bis 18 Uhr, Onlineshop: www.optiking.com