Interview

„Wer keine Freiheit findet, ist auf gefährliche Weise enttäuscht“

Cengiz Deniz erklärt, was mit Flüchtlingen falsch läuft

Cengiz Deniz arbeitete in den 80er-Jahren als Deutschlehrer in der Türkei, bevor er nach Deutschland auswanderte. Der Erziehungswissenschaftler, Soziologe und Turkologe forscht und lehrt seit Jahrzehnten zu den Themen Flüchtlinge, Bildung und Integration. Seine Schwerpunkte sind die interkulturelle Öffnung von sozialen Einrichtungen sowie des Vereinswesens.

Deniz ist an verschiedenen Hochschulen und Universitäten tätig, er war Gastprofessor an der Evangelischen Fachhochschule Berlin und erstellte Beratungsmodelle. Cengiz Deniz arbeitet als Berater in Frankfurt am Main.

Berliner Morgenpost:

Herr Deniz, in Unterkünften von Flüchtlingen kommt es immer wieder zu Gewalt der Bewohner untereinander. Die Anlässe sind unterschiedlich, aber oft verläuft der Konflikt zwischen Herkunftsländern. Warum?

Cengiz Deniz:

Wenn Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, mit eigenen sozialen und kulturellen Vorerfahrungen und Erwartungen zusammenleben, ist es wahrscheinlicher, dass dort Konflikte entstehen. Gemeinsame Sprache und Gewohnheiten, das verbindet zunächst, wenn man sich nicht wirklich kennt. Aber es sind selten echte ethnische Konflikte. Die Menschen haben schlimme Erfahrungen gemacht, sie kommen in Wohnheime und wissen nicht, ob und wie es weitergeht. Oft wollen sie reden, viele müssten im Idealfall eine Therapie bekommen. Es fehlt allerdings an qualifiziertem Personal. Die Situation ist angespannt.

Sollten Flüchtlinge nach Herkunft getrennt untergebracht werden?

Das ist keine kluge Idee. Dann leben die Menschen unter sich und sprechen nur ihre eigene Sprache. Wie sollen sie Anschluss an ihr neues Umfeld finden? Menschen kann man nicht nach Herkunft klassifizieren, nur nach Bedürfnissen.

Man hört derzeit oft, dass radikale Muslime anderen Muslimen Ratschläge erteilen: Wie sie sich anzuziehen und zu verhalten haben. Wie groß ist dieses Problem?

Wie oft das genau passiert, sollte der deutsche Verfassungsschutz wissen. Aber es ist mit Sicherheit der Fall, dass Menschenfänger unterwegs sind, um Mitstreiter zu finden. Mehr denn je. Auch in Wohnheimen für Flüchtlinge. Hier müssen wir uns fragen: Warum haben diese Radikalen überhaupt eine Chance?

Was frustriert Flüchtlinge besonders?

Viele Flüchtlinge suchen sich Deutschland als Ziel aus, weil sie denken, dass sie hier in Freiheit leben können. Das ist ein großes Kompliment für unser Land! Auch wissen wir, dass ein Großteil der Menschen bereits vor der Flucht persönliche Kontakte zu Deutschland hat. Tanten, Onkel, Freunde, andere Verwandte. Deshalb entscheiden sie sich, hierherzukommen. Aber nach ihrer Ankunft leben sie dann in einem Wohnheim, oftmals sehr weit weg von ihren natürlichen Bezugspersonen. Sie können nicht am Leben teilhaben und werden zum Rumhängen gezwungen. Junge Handwerker, Ärzte, politische Köpfe. Diese Menschen wollen lernen und anpacken. Auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist das ein Wahnsinn.

Was schlagen Sie vor?

Die Residenzpflicht kann ersatzlos aufgehoben werden. Mindestens aber muss sie gelockert werden, damit sich die Menschen in einem gewissen Rahmen bewegen und betätigen können, denn das ist Freiheit. Und man muss sich die Mühe machen, ihre Qualifikationen anzuschauen und zu berücksichtigen. Aber ein weiteres Problem ist wohl, dass man mit Flüchtlingspolitik keine Wahlen gewinnen kann. Geflüchtete dürfen nicht wählen und viele Politiker trauen sich an das Thema nicht heran.

Wohnheime sind überlastet, in Ämtern fehlt Personal. So schnell wird sich das nicht ändern. Was können Bürger für Flüchtlinge tun, zum Beispiel in Vereinen?

Das ist für beide Seiten schwer: Für die Flüchtlinge, die oft nicht wissen, dass es um die Ecke einen Sportverein gibt. Aber auch für den Verein, in dem man oft mit dem Finger auf das Wohnheim nebenan zeigt. Das mag nicht böse gemeint sein, aber die Flüchtlinge werden erst mal als soziales Problemfeld wahrgenommen. Unsere Erfahrung ist aber: Reden die Menschen erst miteinander, ist das gegenseitige Verständnis groß.

Wie kann man Vereine in die Pflicht nehmen?

Dort arbeiten oft Ehrenamtliche, ihre Zeit und Kraft ist begrenzt. Hier benötigen wir professionelle und bezahlte Fachkräfte, die Aktivitäten kanalisieren. Die einen Überblick über alle Angebote haben. Dann können Ehrenamtliche gezielt Gruppen von Flüchtlingen in die Vereine bringen, ihnen Angebote zeigen und Kontakte herstellen. Vor allem sind dann die professionellen Kräfte auch dafür verantwortlich zu schauen: Welches Angebot wird angenommen? Und erreicht das Geld auch wirklich die Angebote, die genutzt werden?

Es gibt viele Hilfsorganisationen, die ehrenamtliche Helfer beschäftigen. Wie viel können diese Gratiskräfte überhaupt leisten?

Klar ist: Der Staat darf die Flüchtlingsarbeit nicht auf Ehrenamtliche abwälzen. Dennoch muss jedes Engagement ermutigt und gefördert werden.

Es fehlt also Geld in der Flüchtlingshilfe.

Deutschland gibt schon jetzt eine Menge Geld für Flüchtlinge aus. Mir ist wichtiger, dass wir über die Verteilung der Mittel diskutieren. Zum Beispiel: Was kommt im kleinen Verein im Stadtteil an? Dieser Sozialraum ist oft entscheidend. Mit Verlaub: Die großen Wohlfahrtsverbände müssen diese Arbeit mehr unterstützen. Mir fehlt da bis heute ein klares Bekenntnis. Die Folge ist, dass etwa Jugendliche sich auf der Straße treffen und dann von Bewohnern und auch von Ordnungshütern als Gefahr wahrgenommen und eingeschätzt werden. So etwas fördert die Vorurteilsbildung und verschließt mögliche gegenseitige Zugänge.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Aber auf Ämtern wird nicht mal englisch gesprochen. Ist das zeitgemäß?

Flüchtlinge, die gut ausgebildet sind, sprechen auch englisch. Aber Ziel muss bleiben, dass Flüchtlinge schnell Deutsch lernen. Die Residenzpflicht verhindert leider oft, dass die Flüchtlinge in ein soziales Netzwerk kommen, in dem sie die Lebenswelten in Deutschland kennenlernen. Noch einmal: Die meisten Flüchtlinge haben bereits Bezugspersonen in Deutschland, sonst wären sie nicht gekommen. Verwandte und Freunde, die lange hier leben. Es wartet ein Netzwerk, da sind Kinder bereits in Sportvereinen, es gibt potenzielle Arbeitgeber, die die Flüchtlinge beschäftigen wollen.

Wie vermittelt man gleich zur Ankunft klare Regeln? Zum Beispiel, dass Religion in Deutschland Privatsache ist?

Menschen kommen oft mit klaren Vorstellungen. Dazu gehört ein Begriff von Freiheit. Aber wenn sie diese Freiheit nicht finden, sie sich nicht bewegen und arbeiten dürfen, entsteht eine gefährliche Enttäuschung. Sie fühlen sich nicht gebraucht und nicht willkommen. Dann kommen Radikale und sagen: „Seht her, ihr dürft das Lager nicht verlassen. Und schaut, sie wollen euch zwingen, Schweinefleisch zu essen.“ So einen Unsinn glauben enttäuschte Menschen schneller. Wer freiheitliche Regeln vermitteln will, muss Freiheit geben und vorleben.