Tragikomödie

Allein auf dem Flughafen

Die 18-jährige Cindy entdeckt die große Welt und beiläufig sich selbst: „Schönefeld Boulevard“

Sie spricht verschlafen. Ihre Sätze lässt sie oft unbetont herumstehen, wie unfertige Landebahnen, auf denen ein paar Bedeutungen auf den Abflug warten. Doch das Schönste an diesem durch Rest-Pubertät, Übergewicht, Abiturstress und den Namen Cindy gestraften Wesen ist gerade seine Schwere: Dieses scheinbar nicht besonders schöne, nicht besonders kluge Mädchen, gespielt von Julia Jendroßek, wird sich in Sylke Enders’ neuem Außenseiterinnenfilm nämlich auch dadurch emanzipieren, dass es sich sogar gegen die filmeigene symbolische Aufladung zu behaupten versteht.

Und diese ist erst einmal übermächtig: Für die Tragikomik eines unfertigen Menschen am Rande der Gesellschaft gibt es wohl keine sinnigere Kulisse als den seiner Bestimmung hinterherhinkenden, aus dem Ruder laufenden Flughafen BER am Rande Berlins, ein Ort zum Abheben, an dem sich nichts bewegt. Julia Jendroßeks Körperhaltung gleicht der eines der vielen Baufahrzeuge der Hauptstadt: Etwas nach vorne gebeugt, schiebt sie ihren großen Lockenkopf mit Tunnelblick durch die Zumutungen des Alltags.

Das schleppt sich anfangs noch ziemlich dahin, noch dazu lassen die Kommentare der Protagonistin aus dem Off zunächst nichts Gutes hoffen: Wird das hier etwa ein weiterer sozialkritischer Adoleszenzporno über Desorientierung, Ausgrenzung und Werteverlust?

Zum Glück nicht. Der merkwürdige Charme von „Schönefeld Boulevard“ und seine Komik entwickeln sich allmählich, und zwar an den unvorhersehbarsten Stellen. In einer Holprigkeit, die jedem Bildungsauftrags-Augenaufschlag mit angenehm stierem Blick entgegentritt, verlässt nämlich Endres ziemlich schnell das ganze Mobbing-Setting der Schule und des tristen Heims und widmet sich, in einer Art langsamer Erblühung, stattdessen vor allem den Begegnungen in jenem Transitraum, den sich Cindy nach und nach erobert.

Wirkte die Heldin in Enders’ „Kroko“ wie eine unheimlich geschmeidige Echse, deren Panzer niemand so leicht knackt, so ist Cindy dieses Mal eine weiche Wuchtbrumme voller sichtbarer „Schwachstellen“, wie ihr zweifelhafter Kumpel Danny (Daniel Sträßer) einmal in Anspielung auf ihre Kurven sagt. Sie ist eine, die überall hinrumpelt, die aber bald entdeckt, dass sie andere aufschließen und berühren kann.

„Fetti“ (O-Ton bester Kumpel) beziehungsweise der „Rosinenbomber“ (so der Vater) lernt am Flughafen also zuerst einen finnischen Ingenieur kennen, kurz darauf einen koreanischen Computerexperten. Mit naiver Entschlossenheit und recht schlimmem Schul-Englisch beginnt Cindy ihr Verführungswerk, das sie, wie sie offenbar hofft, mit der großen weiten Welt verbindet. Sylke Enders, Julia Jendroßek und Kameramann Benedict Neuenfels gelingt es, diesem Spiel an der Grenze zur Peinlichkeit Unschuld und Anmut zu geben.

Tragikomödie: Deutschland 2014, 101 Minuten, von Sylke Enders, mit Julia Jendroßek, Daniel Sträßer, Uwe Preuss, Judith Engel

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