Kulturmacher

Bloß keine leichte Unterhaltung

Der Buchhändlerkeller ist eine Institution in Berlin. Hier stellen Autoren ihre neuen Texte vor. Seit zehn Jahren leitet Cornelia Staudinger das Haus mit vier Kollegen – ehrenamtlich

Der Name Buchhändlerkeller klingt auf eine angenehme Weise verstaubt. Man denkt an dunkle Räume und an Holzregale, deren Bretter sich unter der Last alter Bücher durchbiegen. Solche romantischen Erwartungen erfüllt der Buchhändlerkeller nicht. Die Räume liegen ebenerdig, durch große Fenster dringt Tageslicht. An weißen Wänden hängt moderne Kunst, die Stuhlreihen könnten auch in einem Seminarraum stehen. Nur einem kleinen Nebenraum merkt man an, dass hier Menschen zusammentreffen, die sich seit Jahrzehnten für Kunst und Kultur begeistern.

Die Wände dort sind über und über mit Plakaten bedeckt. Eines weist auf eine Johannes-Grützke-Ausstellung im Jahr 1974 hin, ein anderes auf eine Man-Ray-Werkschau. „Ich habe keine Ahnung, wie viele Plakate hier übereinander geklebt wurden – es sind auf jeden Fall mehrere Schichten“, sagt Cornelia Staudacher, die gemeinsam mit vier anderen Ehrenamtlichen seit zehn Jahren den Buchhändlerkeller leitet. Sie ist Kulturjournalistin. Zu ihren Mitstreitern gehören ein weiterer Journalist, ein Literaturagent, eine Übersetzerin – und ein Jurist. „Er ist der Einzige von uns, der beruflich nichts mit Literatur zu tun hat. Aber auch er hat Germanistik studiert“, sagt Cornelia Staudacher.

Selbst wenn kaum Bücher zu sehen sind: In den Räumen an der Carmerstraße dreht sich alles um Literatur, um ihre Schöpfer, aber auch um ihre Fans und Hintermänner. Renommierte Autoren wie Katja Lange-Müller oder Wilhelm Genazino präsentieren hier ihre neusten Werke, Nachwuchsautoren tragen ihre Texte auf der Lesebühne „CarmerEins“ manchmal zum ersten Mal vor einem Publikum vor. Bei der Reihe „Lebensbilder“ stehen Klassiker wie Erich Kästner oder Ernst Toller im Mittelpunkt, bei der „ErzählBar“ treten Prominente aus der Kulturszene auf.

„Regisseur Hans Neuenfels war vor einigen Monaten dabei, und letzte Woche war Schauspielerin Irm Herrmann hier. Sie hat über ihr Leben und über ihre Arbeit geredet und sich den Fragen des Publikums gestellt. Es war beide Male rappelvoll“, sagt Cornelia Staudacher.

Start in einer ehemaligen Bäckerei

Was alle Veranstaltungen des Bücherkellers eint: Die Texte, die im Mittelpunkt stehen, müssen einen literarischen Anspruch haben. Autoren, die sich der leichten Unterhaltung verschrieben haben, werden dort grundsätzlich nicht eingeladen. Die Begrifflichkeit „anspruchsvolle Literatur“ lehnt Cornelia Staudacher jedoch ab. „Wir wollen Bücher vorstellen, die sprachlich und inhaltlich überraschen“, erklärt sie. „Gute Literatur ist auch niemals vorhersehbar und sie darf niemandem das Denken abnehmen.“

Die Institution Buchhändlerkeller existiert bereits seit 1967 und ist damit einer der ältesten Literaturorte Berlins. Klaus Peter Herbach, der damals Pressesprecher der Akademie der Künste war, mietete mit dem „Arbeitskreis der Jungbuchhändler“ die Souterrainräume einer ehemaligen Bäckerei in Friedenau an, um Schriftsteller und Leser zusammenzubringen.

Die Gegend rund um den Friedrich-Wilhelm-Platz war damals das heimliche Zentrum der Berliner Literaturszene. Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Uwe Johnson und andere Autoren lebten damals im Umkreis und kamen auch in den Buchhändlerkeller. „KP Herbach war ein echtes Urgestein der Berliner Literaturszene, ein bunter Hund, der Hinz und Kunz kannte“, erinnert sich Cornelia Staudacher. Der Gründer des Buchhändlerkellers war ein enger Freund, trotzdem nennt sie im Gespräch nie seinen Vornamen.

Die Jungbuchhändler zogen sich bald zurück, nur der Name blieb. Fast 40 Jahre leitete und prägte KP Herbach den Buchhändlerkeller, der 1976 nach Charlottenburg zog. Cornelia Staudacher und andere Freiwillige halfen ihm bei seiner Arbeit, wirkten aber im Hintergrund. „Der Buchhändlerkeller war sein Hobby und sein Leben“, sagt Cornelia Staudacher. „Als er dann 2004 überraschend starb, mussten wir sehen, wie es weitergeht. Einfach alles weiterlaufen zu lassen wie zuvor, das wäre nicht gegangen.“ Und so kamen zu den regelmäßigen Lesungen am Donnerstag einige neue Veranstaltungsreihen und der offene Lesebühne. Außerdem wird jährlich der KP-Herbach-Preis für deutschsprachige Literatur vergeben.

Obwohl im Buchhändlerkeller mehr Veranstaltungen als je zuvor stattfanden, drehte der Senat, der den Verein bis dahin gefördert hatte, den Geldhahn zu. „Der Fördertopf, den es einmal gab, existiert nicht mehr, wurde uns gesagt“, so Staudacher. Mehr als 100 Schriftsteller setzten sich für eine Förderung ein. Es half nichts, seit zehn Jahren muss sich der Verein ganz alleine finanzieren.

Honorare an die Autoren

Einige Verlage zahlen jährlich eine Summe, damit Autoren im Buchhändlerkeller ihre Bücher vorstellen. Aus diesem Topf und den Eintrittgeldern, die bei sieben Euro liegen, werden dann Honorare an die Autoren gezahlt. „Die Finanzierung ist schwierig“, sagt Cornelia Staudacher. „Wenn wir Lyrik im Programm haben, kommen meist nur wenige. Manchmal ist es schon frustrierend.“

Cornelia Staudacher hat die Literaturszene in Berlin seit den 70er-Jahren beobachtet. „Mich wundert immer wieder, wie wenig sich die Literaturszene in Ost- und West-Berlin miteinander vermischt haben“, sagt die gebürtige Steglitzerin. „Eines hat sich allerdings geändert: Es finden in allen Teilen der Stadt viel mehr Lesungen als früher statt. Auch winzige Buchhandlungen veranstalten mittlerweile literarische Abende.“ Die Buchhändler, die dem Veranstaltungsort damals ihren Namen gaben, sind damit eigentlich zu Konkurrenten geworden.

Buchhändlerkeller Carmerstraße 1, Charlottenburg, Tel. 791 88 97, www.buchhaendlerkeller-berlin.de