Berlin genießen

Flüssiges Gold

Der aus Äpfeln hergestellte Cidre wird immer beliebter. In Prenzlauer Berg gibt es nun die erste Cidre-Bar Berlins

In Rouen hat die Familie Pontreue einen Spitznamen. Ponpon lautete er. Und steht gut leserlich auf der bierähnlichen Flasche, die Sidney Kristiansen in der Hand hält. „Das ist unser Haus-Cidre“, sagt der gebürtige Kanadier, der mit seiner Schwester Leila Mitte August das „Comptoir du Cidre“ in Prenzlauer Berg eröffnet hat. Der kleine Laden ist die erste Cidre-Bar in Berlin. Weil das Apfelgetränk aus der Normandie hierzulande noch relativ unbekannt ist, hat sich Sidney Kristiansen zum Cidre-Botschafter erklärt. Von seiner Bar aus, die gleichzeitig Showroom ist, will er Cidre bekannt machen.

„In der Normandie ist Cidre ein Alltagsgetränk, etwa so wie Bier in Deutschland. Und wie in Bayern gibt es viele kleine Produzenten“, sagt er. Rund 20 Sorten offeriert Kristiansen derzeit. Und jede hat ihre eigene Geschichte. Der Cidre von „Gaec Boissel Père et Fils“ beispielsweise ist ein lieblicher, nach Karamell schmeckender Cidre, die „Cuvée Colette“ der Domaine Dupont wird wie Champagner mit Handrüttelung hergestellt. Von dieser Domaine gibt es auch einen wie untergäriges Lagerbier produzierten Cidre. Den „Ponpon“ lässt er für die Biertrinkernation Deutschland in Bierflaschen abfüllen. Weil der auch gut zum Pastrami-Sandwich passt, wie es im „Mogg & Melzer“ in Mitte serviert wird, liefert Kristiansen ihn auch dorthin.

Aus Äpfeln und Hefe gemacht

Cidre ist, wenn er handwerklich hergestellt wird, ein nur aus Äpfeln und Hefe bestehendes Getränk. „Die Äpfel sind keine Essäpfel, wie wir sie kennen. Sie sind viel kleiner und schmecken auch nicht“, erklärt Kristiansen. Wie bei einer Cuvée wird ein Wein-Cidre aus mehreren Sorten Äpfeln komponiert. „In Frankreich gibt es bestimmt 1000 Sorten“, sagt Kristiansen. „Für Cidre werden jeweils mindestens zehn verschiedene verwendet, als Basis jeweils zu einem Drittel süße, bittere und saure.“ Entsprechend gibt es Cidre von süß bis extra dry. Durch die Zugabe von Hefe fermentiert der ausgepresste Apfelsaft. Der Fruchtzucker im Saft wird in Alkohol und Kohlensäure zerlegt. Das dauert zwischen drei Monaten und einem Jahr. Cidre ist durchaus mehrere Jahre lagerfähig, allerdings wird er dadurch nicht besser, er kann sogar kippen. Je nach Qualität kostet das maximal acht Prozent Alkohol enthaltende „flüssige Gold“ aus der Normandie, so jedenfalls im „Comptoir du Cidre“, als 0,75-Liter-Abfüllung zwischen sechs und 17 Euro.

Dass Cidre, der nur ein Viertel der Kalorien von Bier und nur halb so viel wie Wein hat, auch in die Küche gehört, stellt Schwester Leila unter Beweis. Sie hat mit dem „65-Stunden-Cidre-Steak“ ein Gericht kreiert, das sich auf den Streetfood-Märkten Berlins gut verkauft. „Es wird einen Tag in ‚Ponpon‘-Cidre mariniert, dann elf Stunden sous-vide gegart und mit 30 Stunden karamellisierten Zwiebeln serviert“, beschreibt die Köchin, die derzeit an einem Cidre-glasierten Kaninchengrillspieß arbeitet.

In Potsdam, unweit der Glienicker Brücke, in der „Garage du Pont“, begegnet man dem Apfel gleich dreimal. Inhaber Kai Desinger hat als Frankreichfan selbstverständlich Cidre auf der Karte seines Bistro-Restaurants in der ehemaligen Tankstelle. „Weil unser Cidre komplett durchgegoren ist, enthält er nur sehr wenig Restzucker“, beschreibt er die trockene Sorte, die bestens zum „Côtelette aux Cidre“, einem Havelländer Bio-Apfelschwein in Cidresauce mit in Cidre glasierten Apfelscheiben passe, so Desinger. „Der Cidre nimmt diesem französischen Klassiker die Schwere, sorgt für Fruchtigkeit und eine süß-säuerliche Note.“

Urs Breitenstein und Thomas Godel haben sogar eine eigene Marke aus dem Cidre gemacht. Beim Brauereiwesenstudium an der TU-Berlin kam ihnen die Braupraxis zu kurz, sie begannen, mit Apfelsaft zu experimentieren. Daraus ist seit 2009 eine eigene Cidre-Produktion entstanden. Den „Original Berliner Cidre“, kurz OBC, gibt es inzwischen in drei Sorten, als süß-fruchtigen „Classic“, als herben, endvergorenen „Strong“ und als moussierenden „Rosé“. „Die Basis ist immer frisch gekelterter Apfelsaft aus verschiedenen Sorten, der mit Weinhefe vergoren und dann in 0,33-Liter-Pfandflaschen abgefüllt wird“, so Breitenstein. „Zucker- und Aromenzusätze sind tabu.“

Wie unterschiedlich Apfelsaft schmecken kann, will auch Sidney Kristiansen zeigen. Ab Herbst stehen bei ihm wöchentliche Cidre-Verkostungen auf dem Programm. Sie beginnen mit dem Pressen und Verkosten vom Cidre-Grundprodukt Apfel. Auch bei den Produkten aus der Normandie soll es nicht bleiben. Cidre-Land Nummer eins ist England, gefolgt von Irland, Schweden und dann erst Frankreich. Demnächst will er sich im britischen Königreich auf die Suche nach den besten handwerklich hergestellten Cidres begeben, um sie nach Berlin zu bringen und bekannt zu machen.

Comptoir du Cidre Kollwitzstr. 98, Prenzlauer Berg, Mi.–Sbd. 15–24 Uhr, Tel.: 01 57 32 74 78 59, www.facebook.com/comptoirducidre

Garage du Pont Berliner Str. 88, Potsdam, Mo.–Fr. 11–23 Uhr, Sbd. und So. 9-23 Uhr, Tel.: 03 31 87 09 32 72, www.garagedupont.jimdo.com

OBC Original Berliner Cidre, direkt über www.obc-cidre.com, sonst über Getränkefachhandel, „Spätis“, einige Supermärkte und Gastronomien

Mogg & Melzer Auguststr. 11–13, Mitte, Mo.–Fr. ab acht Uhr, Sbd. und So. ab zehn Uhr, Tel.: 33 00 60 770, www.moggandmelzer.com