Berliner Perlen

Eine Ruhmeshalle für die Kleider

Der Name ist ungewöhnlich, der Laden in Prenzlauer Berg klein. Für Silvia Lindemann ist dort aber genug Platz. In ihrem Verkaufsraum zeigt sie ihre aktuelle Lieblingsmode

Silvia Lindemann führt eine ganz außergewöhnliche Boutique. Hier, an der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg, gibt es Kollektionen von ein paar wenigen, genauestens ausgewählten Berliner Designerinnen. Nie Massenware oder wahlloses Zeug. Auf den zwei langen Bambusstangen hängen lauter Lieblingsstücke. Fuchsiafarbene Seidenkleider, ausgefallene Etuikleider mit farbig abgesetzter Bordüre, klassische Herbstmäntel in knalligen Farben und langärmlige T-Shirts aus Jersey-Stoff, die sich an die Haut ihrer Trägerinnen schmiegen. So etwas Einfallsloses wie „Das kleine Schwarze“ sucht man hier vergebens. Durchschnitt gibt es in der Hall of Fame nicht, hier gibt es Mode. Vielleicht muss man etwas mehr dafür bezahlen als bei Modeketten, aber wer hier etwas kauft, der weiß auch, was er trägt.

Angefangen hat alles mit Silke Jentsch und ihrem Label Mutabilis, das sie im Jahr 2000 gegründet hat. Ihre Kollektion war die erste in der Hall of Fame. Die Berliner Designerin liebt das Spiel mit den Zeiten. Die klassische Linienführung nimmt den klassischen Stil der 60er-Jahre auf: Figurbetonte Blusen und Mäntel mit kleinen Kragen, Knopfleisten und hin und wieder mal einer schräg geknüpften Schleife, die Jentsch mit auffälligen Farbakzenten in die Gegenwart holt. Sehr weiblich und doch ganz Business Look.

Eng geschnürte Taillen

Die ersten Kundinnen der Hall of Fame waren Nachbarinnen, denen auf dem Weg nach Hause, zur Kita oder zum Job dieser Laden auffiel, der deutlich herausfällt aus dem, was die Stadt sonst noch zu bieten hat. Sie sind der Hall treu geblieben. Wer einmal bei Silvia Lindemann kauft, der bleibt. Kaum jemand kann so gut vermitteln, was Mode ist und wie man sie anzieht.

Im Lauf der Jahre kamen immer mehr Designerinnen dazu: Charlotte Hoyems Wickelkleider zum Beispiel. Sie entwirft in Berlin und Oslo, hat eine deutlich skandinavische Note eingebracht. Charlotte Hoyems ließ sich in ihrem Stil von historischen Volkstrachten inspirieren. Ihre Kleider betonen gern die weibliche Figur, zeigen eng geschnürte Taillen, bauschige Röcke und ein gutes Gefühl für den richtigen Akzent. Bevor sie nach Berlin in die Modeklasse der Universität der Künste kam, studierte sie Kunst an der Akademie der norwegischen Hauptstadt. Sie war in der Klasse von Vivienne Westwood.

Oder Liza von Dewitz, die zusammen mit Jentsch ein Modeatelier an der Kollwitzstraße betreibt. Hinter dem Labelnamen Ansoho verbirgt sich Anna Sophie Howoldt. „Gedanken werden zu Kleidung“, ist ihr Credo. Puristisch, feminin, durchdacht – so beschreibt sie selbst ihre Kollektion, die vor allem aus Gestricktem besteht. Nachhaltig soll es sein. Dafür verwendet sie hochwertige umweltschonend gewonnene Materialien. Merinowolle für die Winterkollektion, Baumwolle im Sommer. Wer indes Concis wählt, bekommt die Mode von Hoai Vo aus Belgien, deren Wurzeln in Vietnam sind und die jetzt in Berlin lebt.

Jedes Teil dieser Designerinnen hat seine eigene Geschichte. Silvia Lindemann erzählt sie ihren Kundinnen: Was sie von der Herbstkollektion erwartet, unter welchen Arbeitsbedingungen diese Wolle gefärbt wurde. Wo jener Stoff entstanden ist. Sie hat fast alle ihre Designerinnen seit Jahren begleitet, ist vertraut mit ihnen und wird so für ihre Kundinnen zur zuverlässigen Beraterin. Die Deko der Hall of Fame ist über die Jahre schlicht geblieben. Einzig kleine Akzente hat Lindemann hier und da gesetzt: die schmalgliedrige Holzkette an einer Puppe, ein Fischerkorb an der Wand, eine weiße Vase auf der Theke. „Ich mag es eben pur“, sagt sie.

Die Hall zeigt ihre Geschichte. Auch die, die vor ihr da war. Die Kacheln des Imbissgeschäfts, das sich nach dem Fall der Mauer dort befand, sind nur durch eine Tapete verdeckt. Auch die zugemauerte Öffnung, aus der zu Ostzeiten das Gemüse verkauft wurde, sind unter der weißen Farbe noch sichtbar. „Das gehört dazu“, sagt Lindemann. „Ich nehme diese Geschichte meines Ladens mit, wozu sollte ich sie verstecken?“

Nie Schund kaufen

Die Stargarder Straße ist eine der ausgefalleneren Einkaufsstraßen in Prenzlauer Berg. Noch sind hier keine Ketten, noch ist die Zahl der Billigboutiquen überschaubar. So ein Laden wie die Hall of Fame würde auch auch gut nach Mitte passen. Mit mehr Quadratmetern, mehr Ausstellungsfläche. Aber Silvia Lindemann hat bewusst Größe und Lage gewählt. „So bleibe ich unabhängig und muss nie Schund verkaufen“, sagt sie. Silvia Lindemann weiß, was sie tut. Im September feiert die Hall of Fame zehnten Geburtstag. Um sie herum ist viel auf- und wieder untergegangen. Die Hall ist immer noch eine Schatzkammer. Und sie wird es bleiben. Andere Geschäfte haben Stammkundinnen, die Hall of Fame hat Freunde.

Hall of Fame Stargarder Straße 11, Prenzlauer Berg, Tel. 44 71 56 46 Di.–Fr. 12–19 Uhr, Sbd. 12–16 Uhr