Thriller

Eine Antilope unter Raubkatzen

Kultregisseur Luc Besson lässt Scarlett Johansson zu einer kämpferischen Amazone mutieren: „Lucy“

Auf den ersten Blick passt diese junge Frau so gar nicht ins Luc Besson-Universum kühler, langbeiniger Model-Amazonen. Sie ist keine taffe Kämpferin wie Anne Parillauds Auftragskillerin „Nikita“, keine entschlossene Kriegerin wie Milla Jovovichs „Johanna von Orleans“ und kein gefallener Engel wie Rie Rasmussens „Angel-A“. Lucy beginnt diesen Film als Opfer, eine kleine, harmlose Studentin mit zerzausten Haaren, die an einer Straßenecke von Taipeh von einem kleinen Ganoven in eine dreckige Geschichte reingezogen wird, eine ängstliche Antilope, die von Raubkatzen gejagt wird.

Klick, hat der Typ ihr den Koffer mit Handschellen ans Handgelenk gekettet. Boom, wird er kurz darauf erschossen, als sie nach dem Mann fragt, dem sie den Koffer mit unbekanntem Inhalt übergeben soll. Zack, wird sie von ziemlich ungemütlich aussehenden Leibwächtern in die Mangel genommen. Klick, Boom, Zack, das ist das Kino von Luc Besson, das er testosterongeladen und PS-stark in Serie schreibt und in seinem Pariser Eurocorps Studio unter Titeln wie „Taxi“, „Transporter“ und „Taken“ produziert. Regie führt er nur, wenn er einen Stoff hat, den er nicht seinem jungen Auftragsregisseuren überlassen will. Mondäne Amazonen, gefährliche Kriegerinnen, entrückte Engel: Seit einem Vierteljahrhundert zelebriert Luc Besson die Frau als Kunstfigur, als märchenhafte Männerphantasie. Dabei geht es ihm auch darum, den Irrtum zu korrigieren, dass die Frauen das schwächere Geschlecht seien.

Nun also Lucy, die erst im Lauf der Geschichte stark und kämpferisch wird. Als sie aufwacht, ist um ihren Bauch eine Bandage gewickelt, durch die Blut sickert, unter der Wunde ist eines der Päckchen aus dem Koffer eingenäht. Als sie einer der Wärter in einer schmutzigen Zelle misshandelt, offenbart sich die explosive Wirkung der neuen Superdroge, die so wie das NZT in „Ohne Limit“ die Wahrnehmung und ihre hochintelligente Auswertung übermenschlich schärft. Statt der zehn Prozent des Gehirns, die der durchschnittliche Mensch angeblich nur nutzt, nähert sich Lucy nun stetig den 100 Prozent und mutiert dabei zur Superheldin, die Gedanken lesen, sich in Fernseher und Computer einloggen kann, ihren eigenen Körper perfekt beherrscht, und andere telepathisch und telekinetisch manipulieren kann.

Und da bewährt es sich, dass Besson dieses Mal bei seiner Hauptdarstellerin nicht in erster Linie auf Modelschönheit und Sex Appeal gesetzt hat, sondern auf das fein nuancierte Können einer Schauspielerin wie Scarlett Johannson, die zusammen mit „Her“ und „Under the Skin“ gerade eine kleine Serie feiner Zukunftsvisionen illuminiert. Einer im Grunde simplen Science Fiction- und Actionkino-Prämisse verleiht sie seelische Tiefe und intellektuelle Substanz, sie erdet die hochfliegenden Fantasien in einem sehr irdischen Humanismus und überbrückt damit auch einige der schlimmsten Lücken und Fehler im pseudowissenschaftlichen Konstrukt des Films.

Einer wissenschaftlichen Prüfung halten diese Behauptungen allesamt eher nicht stand, aber als Ausgangspunkt für eine filmische Fantasie sind sie allemal tauglich. So erzählt Besson zugleich von Lucys Vendetta gegen das taiwanische Drogenkartell mit rasanten Autoverfolgungsjagden und gewalttätigen Schusswechseln in einem Wettlauf gegen die Zeit, zusätzlich beschleunigt, weil Lucy unter dem massiven Anstieg ihrer Gehirnpower binnen 24 Stunden zu verglühen droht. Luc Besson, der sein Faible für futuristische Gedankenspiele unter anderem schon in „Das fünfte Element“ zelebriert hat, spielt hier mit virulenten Themen unserer Zeit.

So wie in „Transcendence“ entwickelt sich auch hier ein menschliches Gehirn zu einem Supercomputer, einer Datenkrake, die das gesamte Wissen der Welt anzapfen und infiltrieren kann, und damit einem fleischgewordenen NSA-Alptraum gleicht. Für den Zuschauer ist der Film auch ein Trip mit vielen verrückten und magischen Bildern, etwa wenn Lucy sich in einer poetischen Version des NSA-Abhörszenarios in die Handygespräche Pariser Bürger einklinkt. Unnötigerweise ufert der Film jedoch fortschreitend in die Art Maßlosigkeit von Gewalt und Speed aus, für die Luc Bessons bekannt ist.

Thriller: USA/F 2013, 116 min., von Luc Besson, mit Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Amr Waked, Min-sik Choi

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