Drama

Tanz dich frei

Mit diesem Film will sich Altmeister Ken Loach vom Kino zurückziehen: „Jimmy’s Hall“

Wer alte John-Ford-Filme mag, dem wird der Anfang dieses Films vertraut vorkommen. Ein nicht mehr ganz so junger Mann kehrt nach Jahren aus Amerika in sein irisches Heimatdorf zurück. Im Exil hat er viele Kämpfe bestritten; nun will er sich seiner Wurzeln versichern und Frieden finden.

An diesem Punkt jedoch hören die Parallelen auf zwischen Fords Irland-Romanze „Der Sieger“ und Ken Loachs neuem Film auf. Sein Held Jimmy Gralton (Barry Ward) kehrt als guter Sozialist und Sohn nach Irland zurück: In Amerika hat er sich in der Gewerkschaft engagiert, und nun braucht seine verwitwete Mutter Hilfe auf der Farm. Loachs Irland ist keine Idylle, sondern ein historischer und sozialer Brennpunkt, an dem ein Jahrzehnt nach Unterzeichnung des Unabhängigkeitsvertrags die Macht der Heiligen Dreifaltigkeit aus Großgrundbesitz, Armee und Kirche unangetastet ist.

Zum einen steht Jimmys Rückkehr im Zeichen der Nostalgie: der Wiederbegegnung mit Freunden und Feinden, dem keuschen Wiederaufflammen einer frühen Liebe und der Wiedereröffnung eines Tanzsaals, den er vor zehn Jahren betrieb. In diesem Saal schlägt die dramaturgische Bewegung des Films um. Die Hall wird zu einer Freistatt widerständiger Heiterkeit. Das Kollektiv der Dorfbewohner richtet dort ein Kulturzentrum ein, in dem Boxkämpfe und Theateraufführungen stattfinden, in dem Gedichte gelesen und zu von Jimmy aus den USA mitgebrachten Jazzplatten getanzt wird.

Das ist der Kirche ein Dorn im Auge. Father Sheridan (Jim Norton) notiert am Samstagabend die Besucher des Tanzvergnügens und wettert am nächsten Morgen von der Kanzel gegen die verwerfliche „Los-Angelisierung“ der Sitten. Im gleichen Atemzug findet Jimmy in seiner alte Rolle als Aufrührer gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit zurück.

Hier könnte der Film eine Wendung zu einer konzentrierteren, auch vielschichtigeren Konfrontation nehmen, denn Father Sheridan ist ein ebenso kluger und eloquenter Dialektiker wie Jimmy. Allerdings legen Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty „Jimmy’s Hall“ vielstimmiger und auch ratloser an.

Allerorten brechen Konflikte aus. Man ahnt, dass die Schraube des Unglücks sich jeweils immer noch eine weitere Drehung anziehen lässt. Ein zuverlässiges Montageprinzip von Loachs Filmen ist es seit jeher, dass es für die aufgeworfenen Probleme am Ende der Szenen keine Lösungen gibt, das Leben aber mit skeptischer Zuversicht weitererzählt werden muss.

Dass er in den letzten Jahren den ungeheuren Druck, den die Verhältnisse auf seine Figuren ausüben, erheblich zurückgenommen hat, ist wohl ein Zeichen von Altersmilde. Der Ausgang seiner Dramen ist ja stets vorhersehbar, aber ihn scheint die Aussichtslosigkeit einfach mürbe zu machen. Eine Hymne auf die Solidarität zu singen, wird er jedoch auch in diesem Film, der womöglich die Coda seines Werks sein wird, nicht müde.

Drama: GB/Ir/F 2014, 109 min., von Ken Loach, mit Barry Ward, Simone Kirby, Jim Norton

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