Horrmanns Gourmetspitzen

Ein Hauch von Paris in Prenzlauer Berg

Heinz Horrmann besucht die kleine und landestypische Brasserie Poulette an der Knaackstraße

Die französischen Küchen, eigentlich Heimat der Grand Cuisine, sind immer noch selten in Berlin. So gesehen war mein Besuch in der typisch französischen Brasserie „Poulette“ an der Knaackstraße eine Besonderheit. Hier erleben Sie ein Fleckchen Paris am Prenzlauer Berg. Fiele der Blick von der hübschen Straßenterrasse nicht auf Berlins ältesten Wasserturm, sondern auf Sacré-Cœur, fühlte man sich ganz sicher nach Montmartre versetzt.

Bei der Speisekarte und den Tagesangeboten der Küche verhält es sich exakt so wie bei Ambiente und Atmosphäre drinnen und draußen: Es ist das genaue Gegenteil eines Gourmettempels. Ganz kleine Karte, sehr preiswerte Drei-Gang-Menüs und ordentliche Weine im untersten Preisbereich. Und in der nächsten Woche steigt hier ganz ohne Theater ein Bordeaux-Festival mit guten Mittelklasse-Lagen günstig kalkuliert.

Foie gras und Brioche

Der Einstieg, das Amuse-Bouche, war originell und schmeckte ausgezeichnet. Ein Wildlachs-Schnitzelchen auf einer Crème-fraîche-Meerrettich-Creme mit einem winzigen, krossen Reibekuchen. Sicher kann man das noch international einordnen, richtig französisch wurde es bei der Crème brûlée von der Foie gras mit Apfelchutney und Brioche. Das Gericht, das einst Alain Ducasse kreiert hat, war hier besonders angenehm leicht durch die feine Säure und mit 9,50 Euro 70 Prozent günstiger als beim mehrfachen Drei-Sterne-Koch kalkuliert. Ungewöhnlich waren auch die anderen Vorspeisen, beispielsweise die mit Cognac flambierte Kalbsleber mit gebackenen Kapern und Parmesan-Dressing. Oder der Ziegenkäse unter einer krossen Kräuterkruste mit Blattsalaten und Kürbiskernen. Auch die Jakobsmuscheln mit fruchtiger Rote Bete und Estragonschaum. Damit ist aber auch schon die Abteilung Vorspeisen abgehandelt. Es folgen auf der Karte drei Fisch- und drei Fleischgerichte. Bei meinem Besuch überzeugte der Kabeljau im Coppa-Schinkenmantel mit Zitronenschmand und einem Pfifferlingsrisotto, auch der Steinbeißer mit Estragonschaum war in Ordnung, und besonders gut geschmeckt hat mir die Kombination von Fjordlachs und Thunfisch mit Ingwer-Essig glasiert. Hierbei vor allem die hauchdünnen Zucchini-Röllchen mit Kartoffelbrei gefüllt und von Krustentierschaum bedeckt. Das freilich führt zu leiser Kritik am Konzept: Es war mir zu viel an Schäumchen. Bei jedem Gericht muss das nun wirklich nicht sein.

Das Kalbskotelett war typisch für Bistro-Gerichte in Paris, ebenso die Barbarie-Entenbrust in Orangenjus. Leider war die Haut nicht unter dem Salamander (Oberhitze) kross gegrillt, sondern labberig wie ein Fensterleder. Doch bei diesem Gericht kam erstmals das Beste dieses Restaurants ins Spiel: der Service. Ich fragte die Restaurantleiterin nach den für Ente à l’Orange passenden Orangenfilets. Ohne eine Sekunde zu zögern sagte sie, die seien zwar nicht vorgesehen, „aber die bestell ich ihnen“. Und als eine Wespe sich in meine Weinflasche verirrte, holte und öffnete sie im Handumdrehen eine neue, ganz selbstverständlich. Dickes Kompliment. Im Gegensatz zum Pariser Gegenstück, der „Brasserie Lipp“, wo am häufigsten arrogante Kellner kritisiert werden, die keine andere Sprache beherrschen, wurden hier englisch sprechende Gäste in ihrer Sprache begrüßt und beraten und an den Nebentischen wurde der Service ebenfalls gelobt.

Ein wenig Hin und Her

Zurück zum Auf und Ab der Küchenleistung. Anerkennung verlangen die täglich wechselnden drei Drei-Gang-Menüs, alle günstig, von 30 bis 38,50 Euro. Dafür bekommt der Gast dann nach Thunfisch auf Ingwer-Gurkensalat ein Rinderfilet, kombiniert mit einer Garnele, Zucchini und Süßkartoffelpüree, aromatisiert mit Thymianpeperonale. Das Dessert darf der Gast bei freier Wahl von der Karte bestellen. Nun war die Dessertauswahl mit hausgemachtem Eistörtchen, Crème brûlée mit Himbeersorbet und dem französischen Käsebrett nicht groß. Die mit Vanille parfümierte Crème mit der Zuckerkruste wurde am Tisch mit dem heißen Eisen karamellisiert.

Sorbet und weißes Schokoladeneis werden ebenfalls in der kleinen Küche produziert, so wie auch das Brot im Haus gebacken wird. Allerdings ist es noch nicht gut gelungen, es krümelte und war geschmacksneutral. Da ist es doch besser, einen guten Bäcker an der Hand zu haben, auch, weil dann viel leichter eine Vielfalt auf den Tisch kommt.

Bei der Weinkarte scheint das wichtigste Element die Preiswürdigkeit zu sein. Es gab sehr günstige Angebote, natürlich kleine Lagen, von der Rhône und aus Beaujolais, der teuerste war ein St.-Émilion Grand Cru für 56 Euro. Unabhängig davon, dass viele Weine glasweise offeriert werden, waren auch halbe Flaschen im Angebot, was ich immer seltener erlebe. Die Weinpflege ist für eine eher hemdsärmelige Brasserie ausgezeichnet. Da schlägt das französische Element positiv durch. Was mich störte, ist, dass es, wenn schon Tischwäsche nicht angebracht scheint, nicht wenigsten Sets auf dem Tisch gibt. Ohne Sets liegt dann das Besteck auf dem strapazierten und schwer hundertprozentig zu säuberndem Holz. Stoffservietten erwarte ich schon gar nicht. Alles in allem ist das „Poulette“ jedoch eine hübsche Straßenterrasse für heiße Abende. Das Innenleben des Restaurants ist ebenfalls gemütlich, mit bunten Wänden, einer Lichterecke, aber harten Stühlen und eng gesetzt.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost