Dokumentarfilm

Songs wie Windböen, Lieder wie Bäume

Eine Dokumentarfilmerin begleitet vier junge Musik-Schrate auf dem Weg zum eigenen Klang: „Kofelgschroa“

Als sich Matthias Meichelböck, Martin und Michael von Mücke und Maxi Pongratz 2007 zusammentaten, um zunächst traditionelle Volksmusik zu spielen, da nannten sie sich noch „Kofelmusik“, nach dem Oberammergauer Hausberg, dem Kofel. Ihre Lieder wurden immer eigenständiger, seltsamer, prachtvoller, und so kam das „Gschroa“ dazu, das „Geschrei“. Es ist eine trotzige Ansage.

„Kofelgschroa. Frei. Sein. Wollen“ ist einer der zartesten und kraftvollsten Dokumentarfilme dieses Jahres. Statt erzählerischer Überfrachtung setzt die erfahrene BR-„Lebenslinien“-Regisseurin Barbara Weber visuell und akustisch auf Rhythmisierung und Atemholen; und ihr Atem war lang, als sie, anfangs ohne Budget, die jungen Schrate auf deren künstlerischem Lebensweg sechs Jahre lang begleitete.

Das Schweigen braucht ja die Zeit. Das Ziegenhüten braucht sie auch. Das allmähliche Verfertigen von Gedanken, Schnitzereien und Eisenbeschlägen sowieso. Solche Tätigkeiten, denen die vier Musiker nebenher oder auch hauptsächlich nachgehen, sind vor allem Räume. Weite, stille Gegenden. Aus denen steigen sie dann auf, die Lieder: von Tuba, Horn, Gitarre und Akkordeon begleitete Gesänge, die ganz simpel dastehen können wie ein Baum, melancholisch nachzittern wie ein Wetterleuchten oder einen plötzlich anwehen wie eine lustige Windböe.

Manche Stücke plätschern so gleichförmig und pointenlos vor sich hin, dass einem ganz buddhistisch zumute wird: „Die Wäsche trocknet in der Sonne, die Wäsche trocknet auch am Wind, die Wäsche trocknet auch am Licht, wie schön ist das eigentlich?“ Es gibt aber auch Tiefschläge. Ein paar denkwürdige Szenen spielen in einer Musikfachschule, wo Pongratz versucht, sich ausbilden zu lassen. Fast schmerzt es zu sehen, wie der Intuitions-Virtuose anfangs bereit ist, sich dem heiligen Ernst dieser Institution zu beugen. Kameramann Johannes Kaltenhauser genügt das mitleidlos-bedauernde Profil des Professors und das mit sich ringende Aus-dem-Bild-Fallen des jungen Mannes, um zwei einander zutiefst fremde Welten zu offenbaren.

Im ruhigen Flow entfaltet Weber so ihr Denkstück über die Dramatik einer Selbstfindung, mit genauem Blick für die Fragilität junger Menschen, die aus sehr vernünftig klingenden Gründen keinen Anlass sehen, gut funktionierende Selbstvermarkter, also hip auf dilettantisch gestylte Musikprofis zu werden. Es ist diese nie zur Schau gestellte, eher fragend und verwundert vorgebrachte Haltung, die aus dem Film eine leichte, erfrischende Lebensschule macht.

Wieviel Kraft und Poesie von den vier Wortkargen ausgeht, wenn sie ihr Publikum mitreißen; oder wenn sie sich, noch so eine fremde Welt, von rasend gut funktionierenden Fernsehmenschen zu ihren Plänen und Projekten befragen lassen müssen: Dann entkommen sie sogar noch dieser Enge. Antworten dann, sehr langsam, mit einem Hinweis auf den schönsten Ort in Oberammergau, wo die Sonne abends am längsten scheint.

Dokumentarfilm: D 2014, 91 min., von Barbara Weber

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