Berliner Perlen

Die Suchtgefahr ist groß

Früher hätte man „Turnschuhe“ gesagt: Bei Overkill in Kreuzberg gibt es Sneaker in allen Farben, Designs und Varianten. Ein Laden für fanatische Sammler und Berlin-Hipster

Die meiste Zeit ist Overkill ein ganz normaler Laden. Sneaker stapeln sich deckenhoch in den Präsentationskästen entlang der Wände, Spiegelungen sorgen dafür, dass aus den Hunderten Schuhen scheinbar etliche mehr werden. Kaum wird um elf Uhr die Ladentür aufgeschlossen, hocken schon die ersten Kunden zum Anprobieren auf der Sitzinsel.

Manchmal allerdings gibt es diese Tage, an denen der Andrang vor dem Geschäft erheblich größer ist als drinnen. An denen an der Köpenicker Straße in Kreuzberg ein Campingstuhl neben dem anderen aufgestellt wird und junge Männer mit eckiger Brille, Cap und modischem Tattoo aus dem Bürgersteig gegenüber vom U-Bahnhof Schlesisches Tor einen temporären Campingplatz machen.

Dann ist auch für Szeneunkundige nicht zu übersehen, dass es um mehr geht als ein normales Geschäft. Dass hier echte Leidenschaft gepflegt wird und wahre Liebhaber schon mal drei Tage ausharren, um beim Campout ein Paar aus einer besonderen limitierten Kollektion zu ergattern. Sneaker-Freaks eben.

Marc Leuschner, der Overkill mit seinem Partner Thomas Peiser führt, ist auch so einer. 2009 war er in das Geschäft eingestiegen, in dem bei der Gründung sechs Jahren zuvor auf ursprünglich kaum 15 Quadratmetern Lacke und Literatur für Graffitisprayer verkauft worden waren. Spätestens seit der Ausdehnung auf zwei Stockwerke 2008 ist Overkill allerdings vor allem ein Treffpunkt für Fans und Sammler von Sneakers und Streetware. Sprüh-Zubehör gibt es trotzdem weiterhin, Berliner Größen aus der Sprayerszene wie Poet oder Inka kaufen hier ein.

Ein kleines Schuhmuseum

Auch im Namen ist der Laden sich treu geblieben: Unter dem Titel „Overkill“ hatte Peiser 1992 ein Magazin über Berlins Graffiti-Welt gegründet. „Das Hauptgeschäft sind aber Sneaker“, sagt Leuschner. Um die 600 Sammlerpaare der Casual-Turnschuhe hat er zu Hause in einem eigenen Schuhzimmer. „Das kann man sich wie ein kleines Schuhmuseum vorstellen“, sagt der 28-Jährige. Im Laden sind ebenfalls rund 600 Paare auf Lager. Schlichte weiß-schwarze Sportschuhe und grell-bunte Partyaccessoires, Sneaker aus Leder im Stil eines Halbschuhklassikers und solche mit Applikationen im Zebrafell-Muster. Sneaker für Männer, Frauen und sogar für Kleinkinder.

Anhand seiner Vorlieben lasse sich der Charakter eines Sneaker-Trägers immer recht gut beschreiben, sagt Marc Leuschner. Und auch umgekehrt. „Ich gucke mir den Kunden an und sehe dann schon, welchen Schuh ich ihm zeigen kann.“ Wer im Retrolook daherkomme, werde kaum sogenannte „Hightops“ mit höherem Schaft kaufen, die dagegen das Herz der meisten Hiphoper sofort höher schlagen lassen. Was Kunden beim Overkill-Team aber vor allem finden, ist jede Menge Hintergrundwissen über das trendige Schuhwerk.

„Wir können ganz viele Storys erzählen. Wir kennen die Vorgeschichte“, sagt Leuschner selbstbewusst. „Von 16 Mitarbeitern sind vielleicht zwei keine Schuhsammler, aber auch die sind infiziert.“ Bei den Kunden, die meist zwischen 20 und 45 Jahre alt sind, hat sich das herumgesprochen. Selbst geführte Touristengruppen, die Berliner Szeneleben sehen wollen und sich für Graffiti und Sneaker interessieren, füllen gelegentlich den Kreuzberger Laden. Peiser und Leuschner honorieren das Interesse in ihrem Geschäft, indem sie das Interieur ständig modernisieren und dem aktuellen Geschmack anpassen. „Wir ruhen uns nicht aus, wir chillen nicht“, sagt Marc Leuschner.

Der obere Treppenabsatz wird als Showroom für monatlich wechselnde Ausstellungen und Inszenierungen genutzt. Die Wände im hintersten Raum, wo sich in verschlossenen Schaukästen Sneaker-Sammlerstücke aus dem Overkill-Archiv finden, zieren eigens für den Laden entwickelte Tapeten mit dem Dreiblatt-Logo von Adididas. Sie sind im Duktus altmodischer DDR-Tapeten gehalten. Selbst den Deckenstuck ziert das Symbol.

Klassentreffen der Super-Nerds

Ansonsten gehört das Obergeschoss der Streetware. Wie bei den Sneakers findet sich hier neben etablierten Labels manche Neueinsteiger-Firma. Für Leuschner ein Stück Strategie: „Man weiß nie, was daraus wird.“ Mit Marken-Hypes kennt er sich aus. Schließlich sitzt er selbst oft genug vorfreudig bei Sneaker-Campouts und vervollständigt seine private Schuhsammlung.

Auch Overkill organisiert Campouts, teilweise werden dafür gemeinsam mit einem Schuhhersteller eigene Modelle designt und produziert. „Das ist immer wie ein großes Klassentreffen, wo auch Leute kommen, die gar nicht kaufen, sondern nur einen schönen Abend mit uns haben wollen“, sagt Leuschner. „Mit Drinks, Snacks und Gesprächen über das, worauf wir Bock haben: Schuhe.“

Overkill, Köpenicker Straße 195A, Kreuzberg, overkillshop.com, Tel. 61 07 66 33, Mo.–Sbd. 11–20 Uhr