Kulturmacher

Jeden Abend Affentheater

Keine Vorstellung der Impro-Gruppe „Die Gorillas“ gleicht der anderen. Marie Wellmann und Christoph Jungmann lieben Abwechslung. Auch wenn einmal etwas schief geht

Kurt heißt die Bühnenfigur, die Schauspieler Tom Jahn innerhalb von wenigen Sekunden geschaffen hat. Kurt ist Klempner, so hatten es sich die Zuschauer gewünscht. Tom Jahn stellt sein Geschöpf mit leicht beschränktem Blick und sattem Berliner Idiom dar. „Es ist nicht so, dass ick den janzen Tag nur an Trapse rumschraube und mit meene Spirale komischet Zeug aus irgendwelche dunklen Löcha hole“, erzählt er. „Ick hab och mit Klimaanlagen und so zu tun!“

Tom Jahn, jetzt wieder ganz Schauspieler, wendet sich an das Publikum, fragt welches Hobby zu Kurt passen würde? „Klauen!“ brüllt einer der Zuschauer aus den hinteren Reihen. Der Schauspieler wirkt für einen ganz kurzen Moment irritiert, dann lächelt er. „Ick klau aber nur wenig und och nur janz kleene Sachen“, sagt er. „Nur Schrauben und so.“ Die Tüten mit den gestohlenen Eisenwaren hängt er, wie er berichtet, später an eine Kellerwand und sortiert sie nach den Baumärkten, in denen er sie entwendet hat. Dann sagt er, dass es wunderschön aussieht, wenn Sonnenlicht auf die Schrauben fällt. Lautes Lachen im schmucklosen Zuschauerraum des Ratibortheaters in Kreuzberg.

„Improtheater lebt vom Zauber des Moments. Wenn sich auf der Bühne etwas entwickelt, an das man vorher noch nicht gedacht hat, dann ist das immer wieder großartig“, sagt Christoph Jungmann, der genau wie Tom Jahn zu der Theater-Gruppe „Die Gorillas“ gehört. Die Schauspieler müssen bei diesem Format ständig in neue Rollen schlüpfen und sich innerhalb von Sekunden Szenen und kurze Handlungen ausdenken. Das Unperfekte wird beim Improtheater regelrecht zelebriert. Das kärgliche Bühnenbild hat seinen Namen kaum verdient. Die Schauspieler stehen oft in Alltagskleidung auf der Bühne, setzen sich aber auch mal schnell eine Perücke auf, schlüpfen in ein Dirndl oder in eine grelle Glitzerjacke.

Abstimmen per Applaus

Mitte der 90er-Jahre fing alles an. „Den Begriff Improtheater hatte ich damals schon häufiger gehört, aber für mich klang das alles schwer nach 68er-Jahren und anstrengender Selbsterfahrung“, erinnert sich Christoph Jungmann, der damals als Schauspieler und Kabarettist arbeitete. Als ein befreundeter Kollege ihn zu einer Vorstellung der Kreuzberger Gruppe „Theatersport“ mitnahm, fing er jedoch schnell Feuer. Das Geschehen auf der Bühne war viel witziger, schneller und anarchischer, als er gedacht hatte. Das Format „Theatersport“ wurde von dem britischen Dramaturgen Keith Johnstone entwickelt, der als einer der wichtigsten Gründer des modernen Improvisationstheaters gilt. Zwei Schauspielergruppen buhlen dabei mit Hilfe eines Schiedsrichters um die Gunst des Publikums. Es dauerte nicht lange und Christoph Jungmann mischte selbst beim „Theatersport“ mit, der bis heute regelmäßig im BKA-Theater stattfindet.

Kurz darauf, 1997, fand sich eine Gruppe von zwölf Schauspielern und Musikern zusammen, um gemeinsam etwas Neues zu wagen. „Alle Gründungsmitglieder sind dabei geblieben, das ist wirklich etwas Besonderes“, sagt Christoph Jungmann.

Das Ensemble experimentierte mit selbst erfundenen Formaten und perfektionierte sie. Bei dem Stück „Das große 7“ bestimmte das Publikum von Beginn an Charaktere und Handlung, stimmt per Applaus darüber ab, welche Figur weiterhin auf der Bühne stehen soll und welche nicht. So sieben die Zuschauer das Gute und Schlechte, das Witzige und das weniger Witzige. Denn eines ist klar: Das Publikum beim Improtheater will nicht den intellektuellen Höhenflügen eines Regisseurs folgen. Für die Besucher, von denen viele sehr jung sind, steht der Spaß im Mittelpunkt. Es muss krachen. „Manchmal ist es schwierig, wenn ein Scherzkeks im Publikum sitzt“, sagt Christoph Jungmann. „Manchmal muss man auch gegen so eine gewisse Amüsierwütigkeit anspielen.“ Vor sechs Jahren kamen drei jüngere Schauspieler hinzu. „Wir brauchten ein paar neue Impulse“, sagt Christoph Jungmann. Einer von ihnen ist Björn Harras, der durch die Fernsehserien „Verliebt in Berlin“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ bekannt wurde.

Jährlich besuchen etwa 25.000 bis 30.000 Zuschauer die Auftritte der „Gorillas“. Das Ratibortheater, das versteckt in einem Hinterhof liegt, ist seit jeher der Mittelpunkt ihrer Arbeit, auch wenn die Gruppe auch regelmäßig im Jazzclub Schlot und im Heimathafen Neukölln auftritt. Leer stehen die Räume dennoch nicht. Sie werden zunehmend für die Impro-Schule und für Firmen-Seminare genutzt, die die Gruppe ebenfalls anbietet.

Seit acht Jahren arbeitet Marie Wellmann, eine gelernte Veranstaltungskauffrau, für das Ensemble, das über die Stadtgrenzen bekannt ist. Seit 2001 veranstalten die „Gorillas“ jährlich im März das internationale Festival „Impro“, das zum größten Treffen dieser Art in Europa geworden ist. „Die Organisation des Festivals sehen wir als eine zentrale Aufgabe“, sagt Marie Wellmann. Ohnehin sei das Schöne am Improtheater, dass es „Raum für Begegnungen schafft“.

Momente des Fremdschämens

Impro heißt auch Risiko. Nicht jeder Witz zündet, nicht jede Pointe kommt an. Einige der eilig zusammengeschusterten Handlungen wirken absurd, ohne witzig zu sein. „Ich habe noch immer bei den Vorstellungen Momente des Fremdschämens“, sagt Marie Wellmann. „Aber ohne die Lust am Scheitern kann man kein Improtheater machen“, so Christoph Jungmann. Jeden Abend heißt es: Neues Spiel, neues Glück. Man könnte sich zehn Mal „Das große 7“ angucken und würde zehn verschiedene Theaterstücke sehen. „Das Geschehen auf der Bühne ist unmittelbar und kann nicht reproduziert werden“, sagt Jungmann. Und so kommt es, dass die Geschichte vom Schraubendieb Kurt vermutlich nie wieder auf einer Bühne erzählt wird.