KulturMacher

Zum Lachen ins Basement

Seit 25 Jahren lenkt Charlotte Reeck die Geschicke des Kabaretts „Die Stachelschweine“. Sie hat ihr Handwerk noch beim legendären Wolfgang Gruner gelernt. Im Oktober gibt es ein Jubiläum

Unten im Basement des Europa-Centers stehen eigentlich immer ein paar neugierige Touristen vor den Stachelschweinen und studieren eingehend die Programmplakate. Bis zur nächsten Vorstellung müssen sie sich allerdings noch etwas gedulden, denn das Kabarett-Theater macht bis Anfang August Sommerpause. Für Chefin Charlotte Reeck jedoch kein Grund, ebenfalls in die Ferien zu entschwinden. Im Gegenteil: Jetzt hat sie an manchen Tagen mehr zu tun als im Rest des Jahres, steht doch die gesamte Planung für die nächste Kabarett-Saison an. Zudem kommt sie immer mal wieder aus ihrem Büro im dritten Stock rasch ins Theater herunter, um sich mit Handwerkern abzustimmen. Schließlich soll zum Programmstart in knapp zwei Wochen alles tipptopp sein.

Gefragt, warum sie sich kaum eine Atempause bei ihrem unermüdlichen Einsatz für die Stachelschweine gönnt, antwortet Charlotte Reeck nur: „Ich bin hier zuhause!“ Ihre Liebe zum Haus spürt man dabei sofort. „Auch, wenn es pathetisch klingt: Ich bin vor 25 Jahren hierher gekommen, um zu arbeiten, und habe innerhalb kürzester Zeit eine Heimat gefunden. Für mich ist es ein Sechser im Lotto, dass ich hier Fuß fassen durfte und mich einbringen konnte.“

Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus, dass die sympathische Blonde mit dem herzlichen Lachen eine Laufbahn im künstlerischen Bereich einschlagen würde. Obwohl sie als Kind bei Laienaufführungen mitgemacht hatte, Ballett und Eiskunstlauf erlernte, war sie später viel zu schüchtern für die Bühne. Stattdessen wurde sie Kauffrau. Sturer Büroalltag lag ihr allerdings nie. Sie war zuerst zuständig für den Vertrieb und das Marketing von Musik-Kassetten. Als die Stachelschweine Ende der 80er-Jahre dann jemanden fürs Büro suchten, hat eine Freundin sie empfohlen. Charlotte Reeck wurde von dem legendären Wolfgang Gruner sowie seinen Mitgesellschaftern Rolf Ulrich und Horst Sandner zum Vorstellungsgespräch einbestellt. Innerhalb einer Stunde war sie Büroleiterin, kümmerte sich um alles von Verträgen, über Abrechnungen und Spielplänen bis zum Kontakt mit den Besucherorganisationen.

Jeder macht hier alles

Die Herren zogen sich immer mehr zurück und ließen Charlotte Reeck schalten und walten. „Ich habe mich auch wahnsinnig fürs Theater interessiert und bin langsam in meine Aufgaben reingewachsen. 1992 wurde ich Geschäftsführerin. Glücklicherweise habe ich noch lange mit Wolfgang Gruner zusammengearbeitet, der mich bei den künstlerischen Anforderungen und den Bedürfnissen des Publikums angeleitet hat“, erzählt Charlotte Reeck. Mittlerweile ist sie als geschäftsführende Gesellschafterin längst für alles zuständig. „Mit viel Hilfe“, wie sie gesteht. „Jeder macht hier alles. Wir können nur zusammen existieren. Wenn ein Glied nicht funktioniert, bleibt der Motor stehen.“

Die traditionsreichen Stachelschweine wurden bereits 1949 als Schauspielerkollektiv gegründet. Nach fünf verschiedenen Spielorten überall im Westen der Stadt bezog man 1965 den heutigen Standort im Europa-Center. Charlotte Reeck hat die Bühne einer nachhaltigen Frischzellenkur unterzogen. Gab es früher pro Programm vier lange Szenen mit je einer Schlusspointe, so sind heute zwanzig Sketche mit hoher Gagdichte das Minimum jeder Vorstellung. „Aktuelle Themen, modern präsentiert, das war immer mein Bestreben. Anders geht es im Kabarett auch nicht mehr. So gern wir auf die lange Geschichte unseres Hauses zurückblicken, sich ausruhen wäre der Anfang vom Ende für eine Bühne“, sagt Charlotte Reeck.

Das Kabarett feiert 65. Geburtstag

Mit zeitgemäßem Ensemble-Kabarett schaffen die Stachelschweine heute locker den Spagat, das Stammpublikum zu halten und junge Zuschauer zu gewinnen. So hatte Charlotte Reeck im vergangenen Jahr die Idee zum Programm „Kabarett & Currywurst“: „Ich wollte etwas Kurzes für Zuschauer, die am Wochenende nach der Vorstellung noch auf die Piste wollen.“ Die lockere Sozialsatire mit abschließendem Currywurst-Snack kommt an. Auch bei den Berlin-Touristen.

Ein Touristen-Kabarett sind die Stachelschweine aber beileibe nicht. Dennoch setzt das Haus auch bei Berlin-Besuchern natürlich auf seine prominente Lage im Europa-Center mitten in der boomenden City-West. „Das Baugerüst an der Gedächtniskirche stört uns schon. Es ist geschäftsschädigend. Wie auch der lange Umbau des Tauentzien. Jetzt endlich nimmt die Gegend aber Gestalt an. Alles wird schöner und attraktiver“, schwärmt Charlotte Reeck.

Sie selbst lässt sich mittlerweile gern beim Spazieren im neuen Bikinihaus inspirieren, wünscht sich aber noch mehr Ausgehmöglichkeiten und Restaurants mit Flair in der Umgebung. Privat lebt sie mit ihrem Mann im ruhigen, grünen Buckow fast am Rande der Stadt. „Als wir uns dort ein Häuschen suchten, hatten wir Pferde in Lichtenrade. Es schien praktisch. Damals war ich bei den Stachelschweinen nur die Kaufmännische und wusste noch nicht, wie sehr ich mich dort engagieren würde“, erinnert sie sich.

Eigentlich könnte Charlotte Reeck längst in Rente gehen. Doch sie findet es nach wie vor reizvoll, das Theater am Laufen zu halten. „Wir leisten eine sehr gute Arbeit, haben ein tolles Ensemble, fantastische Autoren und Regisseure“, sagt sie begeistert. Momentan wird am Jubiläumsprogramm zum 65. Geburtstag der Bühne gefeilt. „Deutschland sagt Jein!“ feiert im Oktober Premiere. Für Charlotte Reeck gilt dabei natürlich das Motto: „Nicht am Bewährten festhalten, sondern immer etwas neues ausprobieren.“ Langweilig wird es also nie bei den Stachelschweinen.

Die Stachelschweine Europa-Center, Tauentzienstr. 9-12, Charlottenburg, Tel. 261 47 95, www.diestachelschweine.de