Drama

Die Alten, die Jungen und die Stadt

Drei Alt-68er gründen nochmal eine WG, sehr zum Unwillen der Studenten im Haus: „Wir sind die Neuen“

Warum ziehst du nicht nach Berlin, kräht die Alte die Junge an, ihr zieht doch alle nach Berlin, bloß du nicht. Das hätte der Alten, die Anne heißt, ungefähr 60 ist, sich aber noch jung genug fühlt, so gut ins Konzept gepasst: Sie hätte in der Münchner Stadtwohnung als Daueruntermieterin weiterleben können, ihr Berufsleben als Biologin ausklingen lassen und dann eben geschaut, wie das so ist als alleinstehende Alt-68erin in Rente. Doch Anne hat die Wohnung eben nur warmgehalten für die junge Frau, die nun ihr Wohnrecht einfordert. In welchem Verhältnis diese drei Frauen zueinander stehen, die sich da nun irgendwo in München anblaffen, erzählt „Wir sind die Neuen“ nicht, und das braucht der Film auch nicht.

Viel wichtiger ist, dass der Film gleich in seiner ersten Szene seinen Ton findet, einen leichten, leicht gereizten, manchmal melancholischen, eigentlich immer lakonischen: Macht die Tür hinter euch zu, wenn ihr geht, ruft Anne dem elenden Mutter-Tochter-Gespann zu, bevor sie den für sie hoffnungslosen Kampf aufgibt. Diese Wohnung zu verlieren, kommt für eine Normalverdienerin wie Anne angesichts des heillos überteuerten Immobilienmarktes einer Vertreibung aus ihrem bisherigen Leben gleich.

Gisela Schneeberger spielt diese Anne, sie verkörpert das Erzmünchnerische in den „Neuen“, und durch ihr bloßes Dasein in diesem Film wird bereits eine Milieugeschichte der Stadt miterzählt: München, das ist ja schon seit den Fernsehserien von Helmut Dietl auch immer ein Rückzugsgefecht der Ureinwohner vorm Heranrücken der Zuziehenden, der Besserverdienenden, der modernen Welt schlechthin, und Gisela Schneeberger war schon in „Monaco Franze“ mittendrin.

Ralf Westhoff, der Drehbuchautor, Regisseur und Produzent der „Neuen“, interessiert sich nun weit weniger als etwa Dietl für München als sentimentale Idee, doch er wirft einen ähnlich liebevollen, etwas spöttischen Blick auf seine Figuren wie Dietl in seinen besten Zeiten. Und das ist schon ziemlich außergewöhnlich: Wie lange ist es her, dass man mal mit einem Lächeln aus dem Kino herausgekommen ist nach dem Betrachten einer deutschen Filmkomödie? Tolle Ausnahmen wie „Oh Boy“ vor zwei Jahren bestätigen da nur die Regel.

Dabei hat Westhoff sich einen Plot ausgedacht, der zunächst tatsächlich irre ausgedacht klingt: Nachdem Anne ihre Bleibe verloren hat, gründet sie aus Wohnungs- und Geldnot mit zwei ehemaligen, ebenfalls halbwegs mittellos durchs Leben gekommenen Mitbewohnern aus Uni-Tagen eine Alten-WG. Und die Drei machen da weiter, wo sie vor 35 Jahren aufgehört haben, mit Saufabenden, ewigen Diskussionen, Musikgeplärre. Weil der Altbau doch hellhörig ist, gehen die Neumieter den Nachbarn, drei Studenten in der WG obendrüber, gleich furchtbar auf die Nerven. Die jungen Leute müssen nämlich lernen, nicht fürs Leben, sondern fürs Überleben in einer neuen Welt, in der in ihren Augen Erfolg das Wichtigste ist und am Glück gearbeitet werden muss wie an einem Projekt. Die Fronten sind also rasch geklärt, drei gegen drei, jung verspießt gegen alt verlottert. Der ewige Generationenkonflikt, upgedatet für die Gegenwart, so weit, so konstruiert.

Westhoff aber hat ein feines Gespür für Situationskomik und dem wahren Leben abgelauschte Dialoge, er hat ein großes Herz für seine Figuren, und vor allem weiß er, was jede wirklich gute Komödie auszeichnet: Die handelt eigentlich von der Vergeblichkeit der menschlichen Existenz und all den elementaren Ängsten, mit denen man sich so durchs Leben schleppt. Eine wirklich gute Komödie muss die Menschen deshalb erst mal ernst nehmen, damit man über sie lachen kann, und sie macht die, die sie zeigt, nie lächerlich. Das alles gelingt in „Wir sind die Neuen“, und Westhoffs Ensemble spielt das ganz wundervoll. Neben Gisela Schneeberger geben Heiner Lauterbach und Michael Wittenborn die Alten, und dass Westhoff sie länger und zärtlicher betrachtet als die Jungen (Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg), ist fast selbstverständlich: Die Alten hatten mehr Zeit fürs Scheitern. Und sie haben am Ende mehr zu verlieren als nur ihre Ängste.

Drama: D 2013, 91 min., von Ralf Westhoff, mit Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger

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