Drama

Ein Mädchen wird zum Jungen gemacht

Tragisches „Yentl“-Drama aus Indien: „Qissa. Der Geist ist ein einsamer Wanderer“

Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht – hieß es streitbar von feministischer Seite in den 70er-Jahren. Dass die These genauso für Jungs gilt, war mitgedacht. Die Möglichkeiten, sie durch Experimente an Menschen zu erhärten, bleiben jedoch begrenzt. Die Folgen wären unabsehbar. Das schildert Anup Singh in „Qissa. Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ auf sehr nachdrückliche Weise. Auch wenn der Film auf den ersten Blick gar nichts mit modernen Gender- und Transgender-Diskussionen zu tun hat.

„Qissa“ spielt im von Bürgerkrieg gezeichneten Indien nach Unabhängigkeit und Teilung. Bei der Geburt von Mädchen müssen die Eltern getröstet werden mit Sprüchen wie: „Auch Töchter können ein Segen sein“. Der indische Schauspielstar Irrfan Khan („Life of Pi“) verkörpert einen Sikh, der als Flüchtling sein Leben noch einmal neu erfinden muss. Am fremden Ort hat er es gerade erneut zu Besitz und Ansehen gebracht, als seine Frau auch beim vierten Kind keinen Sohn zur Welt bringt. Der Verzweiflung nahe, erklärt er kurzerhand die soeben geborene Tochter zum Sohn namens Kanwar. Die Mutter protestiert nur schwach, vielleicht weil sie nicht damit rechnet, mit welcher Entschlossenheit ihr Mann das Projekt durchziehen wird.

So schildert der Film in Bildern von gewichtiger Melancholie Kanwars Aufwachsen: von den älteren Schwestern mit Misstrauen und Neid beäugt, leitet der Vater ihn dazu an, sich durchzusetzen, lässt ihn Krafttraining absolvieren und bringt ihm bei, die einsetzenden Merkmale von Weiblichkeit wie Brüste und Blutung trickreich zu verdrängen. Anders als der Vater, der auf seine eigene Täuschung mehr und mehr hereinzufallen scheint, sieht der Zuschauer dabei stets den Zweifel im Gesicht Kanwars – den Zweifel an sich selbst, aber auch am geliebten Vater.

Als der schließlich Kanwars Freundschaft zu einem Mädchen von niederer Kaste geschickt dazu nutzt, eine Hochzeit zu arrangieren, ist jedoch das Ende der Trickserei erreicht und die Dinge nehmen endgültig eine Wendung ins Tragische.

Erzählt als eine Art Folklore-Saga, kombiniert Singh auf wundersame Weise immer wieder Bedeutsamkeit mit Ironie: In einer Szene sieht Kanwar der Mutter heimlich beim Baden zu – und was sonst vom Beginn männlichen Begehrens handelt, steht plötzlich für eine ganz andere Sehnsucht nach mütterlicher Nähe. Eindringlich und spannend zugleich zeigt „Qissa“, dass es gerade in traditionellen Gesellschaften einfach scheint, den Äußerlichkeiten gerecht zu werden: Kleidung, Zeremonie und gesellschaftliche Stellung können schwache Muskeln aufwiegen.

Um so brutaler aber ist das, was hinter der starren Fassade stattfindet. Die Zwiespältigkeit der fixen Geschlechterrollen macht der Film so stark, dass man am Ende nicht entscheiden kann, ob die Geister-Lösung, die der Film am Ende seiner gebeutelten Figur anbietet, eher Fluch oder Segen darstellt.

Drama: D/F/Indien 2012, 105 min., von Anup Singh, mit Irrfan Khan, Tilotama Shome

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