Kulturmacher

Komm und spiel mit mir

Das Computerspielemuseum ist das weltweit erste seiner Art und hat sich ganz dem „Homo ludens digitalis“ verschrieben – dem spielenden Menschen im digitalen Zeitalter

Von weitem sieht man die Traube junger Menschen schon, die in der Karl-Marx-Allee 93a vor der Tür steht und wartet. „Noch acht Minuten!“, sagt einer der Gruppe, eine Schulklasse offenbar. Es geht ins Museum. Doch anders als sonst, wenn sich die Begeisterung vor einem kulturellen Bildungstag wahrscheinlich eher in Grenzen hält, zählen diese Schüler dort einen Countdown runter, bis sich die Museumspforten endlich öffnen. „Jetzt nur noch sechs Minuten!“ Wo es dann hingeht? Hinein ins „Computerspielemuseum“. Ins digitale Spieleparadies.

Andreas Lange ist der Direktor dieses in Deutschland einmaligen Hauses, das unter anderem 25.000 Computerspiele in seiner Sammlung hat. Und wer denkt, dass dort Computernerds ihrem Hobby frönen, der irrt gewaltig. „Wir sind keine Freakshow, kein Tempel, sondern wir versuchen ernsthaft, die Computerspiele in einen kulturellen Zusammenhang einzuordnen“, sagt Andreas Lange, auch 17 Jahre nach Museumsstart mit ungebrochener Begeisterung. Dabei ist auch er im Grunde seines Herzens kein „Spieler“, ein Computerversessener auch nicht. Der studierte Religions- und Theaterwissenschaftler kam 1988 aus Hessen zum Studium nach Berlin. 1994 suchte er dann nach einem Thema für seine Abschlussarbeit. Er fand einen neuen Dreh und einen Zugang zu Computerspielen, der „mal nicht die erziehungstechnischen Fragestellungen untersuchte“. Der Titel der Arbeit lautete: „Die Geschichten der Computerspiele, betrachtet unter mythentheoretischen Gesichtspunkten.“

Vom Bedürfnis zu spielen

Und genau das ist es, was der 47-Jährige macht, während er durch sein Museum führt: Er erzählt Geschichten. Er beginnt mit der besonderen Fähigkeit des Menschen, zu spielen, was uns so einzigartig macht. „Wir alle sind homo ludens, wir alle haben ein Bedürfnis, zu spielen“, sagt Lange. Zeigt die antike Vase, die die Olympischen Spiele zeigt, erklärt den „Schachtürken“, eine Schachspielmaschine von 1770 und verdeutlicht anhand des Kinoplakats „Wargames“ aus dem Jahre 1984, wie breit gefächert und tief verankert das Spielen in jeglicher Form unsere Gesellschaft revolutionär umtreibt.

„Wir versuchen, die Computerspiele in der Kultur zu verorten“, sagt Andreas Lange. „Die digitale Revolution erklärt sich an diesen Objekten hier.“ Der Titel der Dauerausstellung: „Computerspiele. Evolution eines Mediums“. Deswegen sagt der Museumschef auch, bei der Bezeichnung „neues Leitmedium“ für Computerspiele gehe er nicht mit. „Kulturell gesehen gab’s das in verschiedensten Formen schon immer. Für uns sind die Computerspiele das Teilhabemedium unserer Zeit. Denn hier ist Mitmachen angesagt.“

Die Gruppen Jugendlicher ist inzwischen auch in das Reich von Pac Man und Co. vorgedrungen und macht sich über die zahlreichen Joysticks, Konsolen und Videospielautomaten her. Denn auch im Museum gilt: mitmachen. Anfassen. Ausprobieren. Erinnern. Überall piepst und summt und dingelt es – die älteren Besucher erinnern sich an erste Spielerfahrungen mit dem Computer und die Jüngeren amüsieren sich über die wahrscheinlich urzeitlich anmutende Strich-und-Punkt- oder Ping-und-Pong-Animation älterer Spiele. Denn schließlich kann man 60 Jahre Computerspielgeschichte erleben. Und mehr noch: Zu sehen ist, wie Thomas Gottschalk in den Jahren 1977 bis 1981 das eher ältere aber überaus spielbegeisterte Studiopublikum bei den „Telespielen“ anfeuert. Und auch der erste öffentlich spielbare elektronische Computer auf deutschem Boden „Nimrod“ kann zu einer Art „Streichholzspiel“ herausgefordert werden.

An der „Wall of Hardware“ können 50 „Spielmaschinen“ von der „Brown Box“ aus dem Jahre 1968 bis hin zur Xbox aus 2001 bestaunt werden. Eines der legendärsten Exponate ist übrigens die „Painstation“ aus dem Jahre 2001. „Ich persönlich mag’s als Spieler nicht“, sagt Andreas Lange und demonstriert, wie das Spiel, das erst ab 18 Jahren frei ist, funktioniert: Beide Spieler legen ihre Handfläche auf ein besonders markiertes Feld und wer dann einen Punkt verliert, wird zum Beispiel mit kleinen Peitschenschlägen auf die Hand oder mit einer heiß werdenden Handfläche bestraft – das muss man mögen. Andreas Lange lacht: „Die Painstation war aber sogar schon mal im Museum of Modern Art in New York zu sehen.“

Stolz auf die Besucherzahlen

Publikum zieht sie jedenfalls an, diese „Station der Schmerzen“. Von überall her: 79.000 Besucher konnte das Museum im vergangenen Jahr zählen. „Das sind 20 Prozent mehr als noch 2012“, sagt Andreas Lange. „Das ist natürlich eine hervorragende Zuwachsquote. Und wir sind wirklich stolz, dass wir es geschafft haben. Schließlich hängen wir als komplett privates Museum an dem, was die Besucher hierher bringen. Ab und zu gibt es noch Projektgelder.“ Zwischen 20 und 30 Jahren ist die Hauptbesuchergruppe alt. Viele Museen haben ein deutlich älteres Publikum – oder ein jüngeres. „Die Mitte, die ist hier bei uns“, sagt Andreas Lange.

Spannend an seinem Museum findet Lange, dass „unser Sujet nach wie vor in unglaublicher Bewegung ist. In dem Bereich Computerspiel passiert immer was. Und dieses ,always on’, immer erreichbar sein, in dem sich unsere Gesellschaft derzeit befindet – das ist ein Riesen-Experiment, ein Prozess ohne Vergleiche.“ Deswegen sei es auch wichtig, eine Balance zu finden, auch für die Psyche. Auch da wird Langes „erste Motivation“ für das Museum wieder deutlich: „Ich habe ein kulturelles Interesse, weniger eine Spielerleidenschaft.“ Aber an der Gruppe Jugendlicher, die begeistert die Ausstellung für sich entdeckt, wird deutlich, dass der „homo ludens digitalis“ hier voll auf seine Kosten kommt. Und Kultur gibt’s spielerisch nebenbei.