Berliner Perlen

Spur der Steine

In ihrem Laden in Schöneberg bietet Gabriele Fromme edlen Schmuck und exotische Mineralien aus aller Welt an. Der geräumige Verkaufsraum gleicht einer Ausstellung

Unerschütterlich, fast würdevoll wacht der steinerne Schutzpatron im Ladeninneren. „Unser Ladenhüter“, sagt Gabriele Fromm und lächelt. Die Inhaberin der Galerie „Steinreich“ an der Schöneberger Akazienstraße betrachtet den überlebensgroßen hohlen Felsbrocken und erklärt: „Er kommt aus Brasilien, ist bestimmt schon Jahrmillionen alt und unverkäuflich.“ Seine Innenfläche besteht aus unzähligen zartviolett schimmernden Edelsteinen.

„Dieser Riesenamethyst mit Eisensilikat-Mantel ist eine überdimensionale Druse“, verrät Gregor Numrich, seit 14 Jahren Mitarbeiter und erklärt: In unterirdischen zähflüssigen Magma-Massen bilden sich Gasblasen. Aufwärts steigend, dünnen ihre Enden zipfelartig aus. Stoßen sie auf kalte, feste Steinflächen, stoppt ihr Aufstieg, ihre Wände kristallisieren innen aus. Numrich präsentiert eine Reihe kleinerer Amethyst-Drusen – ein eigenwilliges, gleichsam aus dem Fußboden wachsendes Arrangement.

Der geräumige, lichte Verkaufsraum gleicht einer Ausstellung: exotisch, edel und stilvoll zugleich. Ein wahres Reich der Gesteine: Um die 200 Sorten – allein 29 verschiedene Quarze – zählt der beachtliche Fundus. Die surreal anmutenden Landschaftsmotive an den Wänden erweisen sich als Fotos stark vergrößerter Stein-Querschnitte. Im Regal über dem Tresen Fachliteratur: Mineralogische Lexika neben esoterischen Traktaten. Zimmerspringbrunnen und Leuchten aus lichtdurchlässigem Naturstein sorgen für Gemütlichkeit.

Eine Kette aus Südseeperlen

Edler Steinschmuck – Ketten, Armbänder und -reifen, Ohrstecker – ist in Vitrinen ausgestellt. Besondere Schätze: Eine Kette aus Südseeperlen oder mehrreihige Armbänder aus grünem Granat, durchsichtigem Prasiolith und blauem Turmalin. Bis hin zu versteinerten Seeigeln und Eisen-Meteoriten, vier Euro das Stückchen. Gefragt sind auch schwarze und grüne Turmaline, violette brasilianische und dunkle uruguayische Amethyste, Rauchquarz aus Brasilien und Madagaskar, Opale aus Australien.

„Steine sind schön, erfreuen das Herz“, sagt Fromme und wendet sich einer Stammkundin zu, die gerade ein zartblau schimmerndes Amethyst-Armband erworben hat. Gregor Numrich hält derweil einige schimmernde tropfenförmige Gebilde gegen das Licht. „Solch Mondstein ist Everybody’s Darling“, sagt er und erklärt: „Wir verkaufen ausschließlich Handverlesenes.“ Die Galerie arbeitet mit Gold- und Silberschmieden zusammen, kauft das Gros von Händlern und bietet als Service kleine Reparaturen an.

Gabriele Fromme arbeitet mit Händlern in aller Welt zusammen. Mit einer Schleiferei in Madagaskar etwa, wo Rosenquarz bearbeitet wird. Für fairen Lohn, unter guten Arbeitsbedingungen, ohne Kinderarbeit. Der Spur der Steine folgend, ist die Chefin auch selbst rund um den Globus unterwegs: in Russland, Indien, Mexiko, vor allem den USA. Es gibt kaum ein Mineral, das die Insiderin nicht kennt, mag und auch besitzt – „selbst ein Stückchen vom Mond, aber zu Hause“, sagt sie augenzwinkernd.

„Edelsteine zu verkaufen, hat viel mit den Sinnen zu tun“, so Fromme. „Es kommt ja alles aus der Erde. Deshalb gehört Leidenschaft dazu.“ Eine Begeisterung, die die Autodidaktin zur Expertin macht. Das Gespräch mit der 58-Jährigen gleicht einem populärwissenschaftlichen Exkurs: Kenntnisse, die sie nicht nur an ihr vierköpfiges Team weitergegeben hat. Ihr Sohn, der als Musiker und Texter der Berliner Popgruppe Ohrbooten einen ganz anderen beruflichen Weg ging, hat sich ebenfalls jahrelang mit der Mineralien-Materie beschäftigt.

Gebürtig in Goslar, entdeckte die gelernte Arzthelferin ihr Faible für Steine, als sie als 23-Jährige in Wien bei einem Mineralien-Händler zur Untermiete wohnte. Zwei Jahre lang probierte sie sich in Österreich im Metier aus. Als sie vor 22 Jahren ihren Laden zunächst in Kreuzberg eröffnete, hatte sie acht Jahre lang das Terrain auf dem wöchentlichen Kunstmarkt auf der Straße des 17. Juni erprobt. Seit 1998 in Schöneberg, hat sich die „Galerie Steinreich“ etabliert, mit Stammkundschaft aus ganz Deutschland, aus Frankreich, Schweden, Spanien und den USA.

Das uralte Wissen der Naturvölker

„Bestimmte Menschen spüren die Schwingungen der Steine. Die Theorie von der heilenden Wirkung von Steinen ist uraltes Wissen der Naturvölker“, sagt Fromme und verweist auf das Bändchen „Die Heilsteine der Hildegard von Bingen“. Fromme zählt Heilpraktiker zu ihrer Kundschaft, erhält positives Feedback von Käufern. „Steine bewirken eine Art Halt in Krisensituationen“, sagt Fromme, wohl wissend um den Missbrauch in der esoterischen Szene. Da werde die Not verzweifelter Hilfesuchender ausgenutzt. „Ein Stein kann zwar begleiten, aber keineswegs das eigene Handeln ersetzen“, sagt Fromme.

Galerie Steinreich Akazienstraße 6, Schöneberg, Tel.: 691 55 91, geöffnet Mo.–Fr. 11–20 Uhr und Sbd. 11–18 Uhr