Horrmanns Gourmetspitzen

Herz, was willst Du mehr?

Heinz Horrmann besucht die neue, rustikale Almhütte mit Vorgarten im „Loretta am Wannsee“

Die Stimmung ist beschwingt. Sattes Grün und Vogelgezwitscher, kurz, Natur pur kombiniert mit einfachem, aber kultiviertem Ambiente: Herz, was willst Du mehr an einem Sommerabend unter freiem Himmel? Die Lust am Frischluftvergnügen sticht an lang ersehnten Sommertagen alle anderen Kriterien aus. Jetzt, wo es Sommer wird in der Hauptstadt, ist die am häufigsten gestellte Frage, wo man am schönsten unter freiem Himmel sitzen und eher rustikal genießen kann. Dazu habe ich in der vergangenen Woche nach eigener guter Erfahrung eine Empfehlung in Lichterfelde gegeben. Das ganze Glück der heißen Tage und Urlaubsfeeling für ein paar Stunden, das erlebt der Berliner ganz besonders intensiv am schönen Wannsee. Und der kleine Ausflug kann sich auch gastronomisch lohnen, wenn man die richtige Wahl trifft.

Drei gastfreundliche Angebote firmieren am Wasser unter einem Namen: „Loretta am Wannsee“, in diesen warmen Sommerzeiten eine weitere richtige Empfehlung. Da ist erstens der Biergarten mit Selbstbedienung, dann ein lichtes Restaurant. Beides ist okay, aber durchschnittlich. Doch das dritte Element, die neu erbaute Almhütte mit einem prächtigen Vorgarten, das ist tatsächlich eine Offerte der Extraklasse: rustikal, aber harmonisch abgestimmt, der Innenbereich mit Kuschelecken und Kaminfeuer auf dem Bildschirm. Hübsch eingedeckt ist der Garten mit großen Stoffservietten, was in dieser gastronomischem Sparte wahrlich ungewöhnlich ist.

Die Damen im Dirndl

Es soll aber nicht die einzige erwähnenswerte Besonderheit bleiben. Der Service, den die Damen im attraktiven Dirndl zelebrieren, ist mit der beste, den ich in der Metropole erlebt habe und nahezu alles, was aus der Küche kam, kann ich nur als exzellent bewerten. Gewiss sind geröstete Scheiben vom Holzofenbrot mit Griebenschmalz, Bergkäse und Obazda sowie herzhafter Tiroler Räucherschinken ebenso wenig kulinarisches Zauberwerk wie eine gegrillte Schweinshaxe. Aber beides ist hier von der Qualität einfach gut und die Haxe – mit richtig krosser Schwarte und mit buntem Pfeffer gut gewürzt – wird zum lukullischen Vergnügen. Weil ich gebratene Ente so mag, habe ich sie in unzähligen Restaurants bestellt und genossen. Die allerbeste weltweit zaubert mir Chef Tam im China-Club. Doch auch hier im „Loretta“ war sie erstklassig zubereitet und durch das Aufwärmen nicht trocken, sondern richtig saftig mit krosser Haut durch kräftige Oberhitze vom Salamander gegrillt. Wahlweise wird dazu neben Semmelknödel Blaukraut oder ein knackiger Krautsalat serviert.

Fairer Preis für aromatische Burger

Auch am Wannsee ist die aktuelle „Burger-Mania“ erkennbar angekommen. Burger, die vor über 100 Jahren von einem Deutschen in New Haven als zerhacktes Steak zwischen zwei Toastscheiben serviert erfunden wurde, sind zurzeit einfach der Renner. Hier ist es eine ganz besonders gelungene Version, der Almhütten-Burger. 200 Gramm hochwertiges, fettarmes Angus-Rindfleisch, kross ausgebackener Tiroler Schinken, Bergkäse, Tomate und Rucola, dazu Zwiebelmarmelade und Tomaten-Chutney mit ausbalancierter süß-saurer, scharfer Würze. Das ergibt die bekannte Aroma-Explosion am Gaumen. Und das zu einem sehr kundenfreundlichen Preis von 12,90 Euro.

Freilich gibt es auch die kleinere bayrische Abwandlung, Fleischpflanzer’l vom Kalb mit Kartoffel-Rucolasalat. Der Hüttengulasch ist von der mageren Rinderlende geschnitten und durch kräftiges Anbraten mit appetitlichen Röstaromen versehen. Wenn überhaupt etwas zu kritisieren ist, dann die Streifen vom gebratenen Rumpsteak zum Hüttensalat. Die sind nicht rosa gebraten, wie es auf der Karte steht, sondern total durch.

Auf den Punkt geschmort sind die Rippchen, vorher süß-sauer mariniert, nicht nur mit Tomaten und Zwiebeln kombiniert, sondern, das ist ganz interessant, auch mit Johannisbeeren, dazu wird frisches Ciabatta gereicht. Wie breit die Küche aufgestellt ist, machen auch die Suppen deutlich, die nicht unbedingt zu den Sommertemperaturen passen: die weiße Kartoffelsuppe beispielsweise mit Bergschinken oder die Tafelspitzbrühe, wahlweise mit Lebernockerln, Pfannkuchenstreifen oder Knödeln. „Auf der Alm da gibt’s koa Sünd“ steht über der Dessert-Auswahl. Die ist hier ungleich größer als in vergleichbaren Restaurants. Erwähnenswert sind vor allem das Schokoküchlein im Einwegglas mit flüssigem Innenleben, der ofenfrische Apfelstrudel oder die Knödelvariationen mit Sauerkirschen oder Marillen. Das alles bekommt der Gast auf kleinen, handgeschriebenen Minikarten angeboten. Das gilt ebenso für die Getränke. Hier dominiert nicht das Bier, sondern frischer trockener Wein, wie alle Variationen vom Pinot Grigio und Sauvignon Blanc. Wir bestellen den Chardonnay des Südtiroler Winzers Alois Lageder, der mit 25 Euro ausgesprochen kundenfreundlich kalkuliert ist. Auch die Champagner haben nur einen behutsamen Aufschlag auf den Einkaufspreis. Den Service habe ich schon hervorgehoben. Es wird ständig nachgeschenkt und auf Wunsch auch nachgelegt. Übrigens nicht nur bei uns, sondern an allen Tischen, wie ich sorgfältig beobachtet habe. Insgesamt eine wahrlich herzliche Empfehlung in dieser prächtigen Natur, aber vergessen Sie nicht, es muss die Almhütte sein.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost