Kulturmacher

Das Gegenteil von Fernsehen

Helgard Gammert ist seit 35 Jahren Inhaberin des Kinos Bali in Zehlendorf. Bei ihr steht die Qualität der Filme an erster Stelle – und nicht das große Geld

Es ist ganz sicher uncharmant, so zu beginnen, aber es muss nun einmal sein: Helgard Gammert ist 70 Jahre alt. Ihr halbes Leben hat sie einem kleinen Kino mit gerade einmal 100 Plätzen in Zehlendorf gewidmet. Sie hat ihm ihre Handschrift gegeben, es gehegt und gepflegt und ist seit 35 Jahren dessen Inhaberin. Sie sagt aus vollem Herzen: „Ich liebe dieses Kino und meine Arbeit hier zutiefst.“ Und wer ihr dabei in die strahlenden Augen schaut, der weiß, dass Helgard Gammert und das Bali Kino einander gesucht und gefunden haben.

Am 1. Januar 1979 übernahm sie das Bali von ihrem Vorgänger Manfred Salzgeber. Zuvor arbeitete die gelernte Medizinisch-technische Assistentin und Buchhändlerin bei einem kommunalen Kino in Mannheim. „Ich bin dann nach Berlin gekommen, um etwas Besonderes zu machen“, sagt Helgard Gammert, wenn sie an die Zeit zurückdenkt. „Manfred Salzgeber fragte mich ganz direkt: Willst du mein Kino haben? Und ja: Ich wollte genau dieses politisch engagierte Kino haben“, sagt Helgard Gammert. Unterstützung gab es damals von Freunden und vom Berliner Senat. „Der damalige Film- und Kinobeauftragte des Landes Berlin sagte, es sei toll, jemanden von außen zu haben und besorgte mir einen Kredit.“ Ein Traum wurde wahr – ein eigenes Kino.

Schwierigkeiten zu Beginn

„Und dann, nach nur einem Monat, der Schock: Die 35-Millimeter-Filmprojektoren gingen kaputt, ich hatte keine Ressourcen und kein Geld.“ Dazu musste Helgard Gammert feststellen, dass sie eine naive Vorstellung davon hatte, Publikum für politisches Kino anzuziehen, etwa für Großwerke wie „Angst essen Seele auf“, „Die drei Tage des Condor“ oder den Watergate-Kultfilm „Die Unbestechlichen“. Denn Ende der 70er-Jahre war alles im Umbruch, die sogenannte Szene gerade nach Neukölln und Kreuzberg abgewandert, das Kino hatte im Bezirk einen linken Ruf. „Das Bali wurde von den Zehlendorfern abgelehnt. Wenn Kinder stehen blieben, um sich die Plakate für mein Kinderprogramm anzusehen, zogen die Eltern sie schnell weiter“, sagt Gammert. Sie wusste: „Ich muss neue Ideen für mein Kino finden.“

Bei ihrem ambitionierten Programm mit Diskussionsrunden saßen mehr Leute auf dem Podium als im Publikum. Sie lacht, wenn sie das sagt. Damals konnte sie das sicher nicht so humorvoll nehmen. Aber sie lernte viel über sich. Merkte, dass sie gut darin ist, sich zu verändern, wenn es notwendig ist. Also passte sie ihr Programm dem Bezirk an, ohne sich und ihrer Idee von einem Kino untreu zu werden. „Ich habe angefangen, mit dem Bezirk und dem Schulamt zusammenzuarbeiten“, sagt Helgard Gammert. Seitdem gibt es Vormittags-Vorstellungen für Kitas und Schulkinder. Zudem spielte sie um 18 Uhr einen „Mainstream-Film“, den sie für sich noch einigermaßen vertreten konnte. Da war der Saal voll. Es lief wieder. „Man muss eben doch immer so arbeiten, das man die Miete bezahlen kann“, sagt sie.

Doch dann folgte der nächste große Schlag: „Die Multiplex-Kinos kamen auf.“ Für ihre bis dahin gut besuchten 18-Uhr-Vorstellungen hieß das: „Totentanz.“ Und oft wurde ihr gesagt, das sei doch selbst verschuldet, wenn das Bali die Blockbuster nicht bringe. Bis heute aber bleibt sie dabei: „Für Mainstream bin ich nicht zuständig. Ich bin dafür da, dass das Publikum hier sein Kino hat.“ Das Publikum sei mit ihr und dem Kino alt geworden. Aber sie hat ihr Stammpublikum, das ihre bestimmte Handschrift mag. „Ich habe eine unglaubliche Resonanz, die Leute gehen raus, schütteln mir die Hand und bedanken sich für das tolle Programm“, sagt Helgard Gammert. Sie macht das, wovon sie überzeugt ist und sie macht mit, was für den Erhalt ihres Kinos unerlässlich ist.

R2D2 im Vorführraum

Die Umstellung auf Digital war etwas Unerlässliches. „Ich habe immer betont, dass ich zur alten Technik stehe“, sagt sie. „Aber heute weiß ich, dass die Digitalisierung notwendig war. Ich kann Filme früher spielen als auf 35 Millimeter. Sie sind schneller da. Ich habe meinen Frieden mit dem Ding geschlossen.“ R2D2 nennt sie „das Ding“ in ihrem Vorführraum: den Vorführapparat für digitale Filme, benannt nach dem eigenwilligen Roboter aus „Krieg der Sterne“.

Zwei alte Abspielmaschinen stehen dort aber auch noch. Helgard Gammert zwinkert: „Wenn ich etwas Besonderes spiele, spiele ich es auf 35 Millimeter.“ Weil sie für ihr Kino oft Preise bekommt, konnte „R2D2“ mit viel Förderung finanziert werden. Zusätzlich sind 10.000 Euro durch Spenden im Umfeld zusammengekommen – ein Beweis dafür, dass das Bali heute in Zehlendorf angekommen ist. Für sie liegt es auch daran, dass sie 2005 für ihre Arbeit das Bundesverdienstkreuz erhielt. „Plötzlich haben viele Leute Respekt für das Kino gezeigt. Das hat gut getan. Und ich kann für mich seitdem denken: Alles ist okay.“

Mit voller Überzeugung sagt sie: „Ich habe gefunden, was mir liegt. Ich tue nichts Künstliches, sondern bin authentisch.“ Genau deshalb bekam sie gerade wieder einen der von Medienboard Berlin-Brandenburg und der Deutschen Filmakademie verliehenen Kinoprogrammpreise. Prämiert wurden die besten Jahresfilmprogramme von herausragenden Kinomachern in Berlin und Brandenburg, das Preisgeld betrug 12.000 Euro. „Dieses Kino, so wie ich es führe, geht nicht ohne Preise“, sagt Helgard Gammert.

Die Jurybegründung gefiel ihr gut: „In ihrer sehr schönen, manchmal sogar selbstironischen Dokumentation über das Programm des letzten Jahres beweist uns Helgard Gammert, wie sie das Bali Kino immer wieder neu erfindet und mehr Besucher in ihr Kino holt. Ihre vielen Veranstaltungen und Kooperationen sind inzwischen legendär und machen das Kino zum absolut unverzichtbaren Bestandteil der lebendigen Berliner Kinolandschaft.“ Und das ist ein überaus charmanter Satz zum Schluss.