Gebäude erzählen ihre eigene Geschichte

Namhafte Regisseure huldigen Kultstätten in 3D. Das geht nicht immer gut: „Kathedralen der Kultur“

Wer hat sich nur diesen Titel ausgedacht, der die Erinnerung an schulische Filmstunden wachruft, in denen „Kulturfilme“ mit leicht eiernder Tonspur vorgeführt wurden? „Kathedralen der Kultur“ – die Titelwahl entspringt entweder einem ziemlich coolen ironischen Understatement, oder sie zeigt an, dass wir im Begriff sind, wieder in ein Zeitalter bildungs- und kulturreligiöser Bürgerlichkeit einzutreten, und das in 3D.

Fünf von sechs Regisseuren dieses Filmprojekts haben die konzeptionelle Grundidee, Gebäude selbst ihre Geschichte erzählen zu lassen, mit klassischen Kulturinstitutionen verknüpft und zeigen das, was das geübte Kulturpublikum schon hundert Mal gesehen hat, auf eine in Maßen neue Weise. Nur einer, der Däne Michael Madsen, schert aus und führt den Zuschauer in ein Gebäude, das völlig abseits der kulturtouristischen Hauptwechsel liegt, ins norwegische Halden-Gefängnis nämlich, das er ein „Gesamtkunstwerk der Resozialisierung“ nennt.

Tief im Wald liegt das riesige Areal. Und die 3D-Technik macht hier wirklich erfahrbar, was es bedeutet, eingesperrt zu sein. Das Gefängnis, das von sich mit weiblicher Stimme erzählt, macht sich über sich keine Illusionen und prahlt auch nicht damit, dass es als „humanstes Gefängnis der Welt“ bezeichnet worden ist. Das Gefängnis weiß um die Fragwürdigkeit des Sinns der Strafe und des Strafvollzugs.

Der zweite Beitrag, der mehr bietet als Gefälliges, ist das Porträt der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg von dem kürzlich verstorbenen Michael Glawogger. 1814 erbaut, hat das Haus zwei Jahrhunderte russischer Geschichte in sich aufgenommen. Als dreidimensionale Objekte können Bücher wunderbar in ihrer Materialität abgetastet werden. Glawogger gönnt dem Zuschauer diesen Genuss ausgiebig. Doch demonstriert er auch, welche Gewalt die 3D-Technik in Verbindung mit Digitalisierung auf das Buch ausübt. Den Illustrationen zur Schöpfungsgeschichte in einer mittelalterlichen Bibel fügt er die dritte Dimension hinzu und sprengt damit die Grenzen des Mediums Buch. Er macht es damit aber auch zum Kadaver.

Wim Wenders hat die Berliner Philharmonie porträtiert, Robert Redford das Salk Institute, ein biomedizinisches Forschungslabor in La Jolla an der kalifornischen Küste, Margreth Olin das neue Opernhaus in Oslo und Karim Ainouz das Centre Pompidou in Paris. Sie alle feiern diese Gebäude. Es herrscht ein Dauerton beschwingter Begeisterung, der einem in gut zweieinhalb Stunden schon auf die Nerven gehen kann, zumal die Überwältigungswirkung der 3D-Effekte schnell nachlässt.

Es liegt auf der Hand, dass Architektur und 3D aufeinanderfliegen. Dasselbe gilt, wie auch in diesem Film zu sehen, für den Tanz. Künste, die den Raum gestalten, fordern auf der flachen Leinwand die Illusion des räumlichen Sehens. Es ist aber eben doch eine Illusion, etwas Fabriziertes. Und das merkt man.