Horrmanns Gourmetspitzen

Von tadellos bis einfallslos

Heinz Horrmann besucht das „Grand Restaurant M“ des Maritim-Hotels an der Stauffenbergstraße

Ganz selten nur ist das Ergebnis eines kritischen Gastronomietests ähnlich wie das Fußball-Resultat zweier gleichwertiger Teams. 1:1 beispielsweise. Beim Testbesuch im „Grand Restaurant M“ im Hotel Maritim an der Stauffenbergstraße kam ich zu diesem Ergebnis. Die kleingehaltene Speisekarte verkörperte bei Auswahl und Zusammenstellung den Begriff der „Internationalen Hotel-Langeweile“, mit Klassikern wie Kalbsleber mit Kartoffelpüree, Schweinefilet oder Rinder-Steaks von Entrecote bis Filet. Nicht ein originelles Kreativ-Angebot, das ist gewiss ein Eigentor. Auch, wenn man hauptsächlich Hausgäste im Blick hat, wie mir der Restaurantleiter erklärte.

Doch die andere Seite der Medaille, der Ausgleichstreffer, war die Qualität der Küchenleistung. Nahezu alles, was auf den Tisch kam, war aus guten Produkten handwerklich sehr ordentlich gemacht. Das gilt für Garzeiten, Würze und Präsentation. Dafür ein ehrliches Kompliment.

Angenehmes Ambiente ist Trumpf

Das Maritim in Tiergarten hat sich mit Events und Gourmet-Veranstaltungen ins Blickfeld der Berliner Genießer geschoben. Darum wollte ich probieren, wie es mit dem Genuss im eigenen Restaurant bestellt ist. Das Fine-Dining-Restaurant am Ende der lang gestreckten Lobby trägt den eigenwilligen Buchstaben-Kurznamen „Grand Restaurant M“. Das geschmackvoll eingerichtete Esszimmer des Tagungshotels gefiel mir. Angenehme Wohnlichkeit ist Trumpf, keine hochgestochene Gourmettempel-Atmosphäre. Und exakt so funktionierte der Service: erstklassige Weinpflege, handwerklich gut geschult und freundlich leger. Das Amuse Bouche mit dem scheinbar untilgbaren Spruch „kleiner Gruß aus der Küche“ wechselte zwischen einem appetitlichen Fischhappen oder einer frischen Miniportion Rindertatar mit Spiegelei von der Wachtel.

Auch an noch frischen Frühlingstagen ist eine heiße, aromaintensive Suppe eine angenehme Eröffnung des Menüs. Meine Spargelsuppe mit hauchdünnen Spänen vom Edelgemüse war gebunden und mit Sahne gut abgeschmeckt. Meine Kollegin hatte sich für eine weiße Tomatenschaumsuppe mit gebackenem Lauchstroh entschieden. Auch diese geklärte Brühe mit dem vollen Aroma erstklassiger Tomaten war tadellos. Bei einem früheren Besuch waren die Suppen nur lauwarm serviert worden, eine Pilzsuppe durfte sogar als „Kaltschale“ bezeichnet werden. Das hat sich eindeutig verbessert.

Bei den Vorspeisen bleibt der Küche kein Spielraum für Ideen und Variationen: Carpaccio mit Parmesanspänen und Pesto oder Salatherzen, wahlweise mit Garnelen oder Hähnchenbrust oder Teigtaschen mit Spinat und Ricotta , sind Angebote einer besseren Kneipe. Aber auch hier gilt, was ebenfalls bei der Spargelkarte in der leider langsam auslaufenden Saison ins Auge sprang: Die Qualität stimmte. Die Beelitzer Stangen waren butterzart, aber nicht totgegart, sondern leicht bissfest, die Sauce Hollandaise frisch angeschlagen und köstlich. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte. Zum Basispreis von 14 Euro für eine gute Portion Spargel standen für das Wiener Schnitzel, ebenfalls zart und mit guter Bindung der Panierung, neun Euro, für die Lachsschnitte elf Euro auf der Rechnung.

Vom Fisch bis hin zum Fleisch

Zufrieden war ich mit dem lauwarm marinierten Saibling in Orangen-Thymianöl mit einer gebratenen Langostino sowie Melone. Auch die Salate als Visitenkarte der Küche überzeugten, während „Feines vom Kalb“ ein heilloses Durcheinander war, geschmorte Kalbsbäckchen, Scheibe von der Kalbshaxe, Filet, alles für sich okay, aber in der Kombination auf einen Teller gepackt, nicht glücklich.

Die große Seezunge im Ganzen (an der Gräte) gebraten, wurde vom Maître am Tisch perfekt filetiert und mit Champagnersauce und Blattspinat kombiniert. Einzige kritische Anmerkung. Der Fisch war doch schon tot. Warum wurde er noch mal tot gegart? Ein zart glasiger Kern ist weit köstlicher. Gewürzt war der Fisch gekonnt. Ein wirklich gutes Zusammenspiel der Aromen. Fisch und Meeresfrüchte insgesamt stehen übrigens an jedem Freitag auf dem Programm. Für 44 Euro gibt es zum Buffet noch eine halbe Flasche trockenen Weißwein.

Das Dessert entspricht den insgesamt gesammelten Erfahrungen. Kleine Obstplatte mit Sorbet, Creme Brûlée, auch mit Sorbet und marmoriertes Schokoladenmousse, das war alles wenig originell, aber auch hier stimmte die handwerkliche Ausführung. Ein paar winzige Besonderheiten möchte ich nicht verschweigen. So die Süßkartoffel-Pommes Frites, in amerikanischen Restaurants regelmäßig auf der Karte, bei uns aber höchst selten, oder das knackige Pfannengemüse.

Bleiben wir beim Positiven. Das Weinangebot war nicht sehr groß, aber ausgewogen. Etlichen günstigen Tropfen standen einige Premier Cru-Lagen gegenüber. Und das Allerbeste: Es gab zahlreiche Weine aus allen Anbaugebieten als halbe Flaschen. Das ermöglichte beispielsweise bei Fisch und Fleisch den unkomplizierten Wechsel von Weiß zu Rot oder ist generell für Gäste, die keinen offenen Wein mögen, ideal für das Business-Lunch. Das wird zwischen 12 und 15 Uhr serviert. Zwei Gänge mit Softdrink und Kaffee kosten hier 16,90 Euro. Unter dem Strich steht, auch dank des guten Service, eine ordentliche Wertung, die aber mit etwas mehr Inspiration und Kreativität noch deutlich besser ausfallen könnte.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost