Fantasy

Ein Leben für eine Rose

In Babelsberg hat Christophe Gans die alte Mär neu verfilmt: „Die Schöne und das Biest“

Eine Rose ist keine Rose ist keine Rose. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sorgten zwei frühe Meisterwerke der Fantasy-Literatur in Deutschland und Frankreich für die Erkenntnis, dass nicht jede Blume einfach so gepflückt gehört. Während in Goethes „Heideröslein“ ein wilder Knabe ignorant darüber hinwegging, dass die von ihm begehrte Pflanze plötzlich um ihr Leben flehte, sorgte in Frankreich das Volksmärchen „La Belle et la Bête“ für Aufsehen. In ihr setzte es auf das Brechen einer Rose gleich die Todesstrafe, die nur durch geschickte Diplomatie und romantische Regung in ein Lebenslänglich umgewandelt werden konnte. Wenn man in Goethes Rose so etwas wie eine Keimzelle der bundesdeutschen Umweltbewegung hineinliest, macht es besonderen Sinn, dass sich nun eine deutsch-französische Kinoproduktion anschickt, „Die Schöne und das Biest“ auch im Geist der Gegenwart zu verankern. Gedreht wurde mit einem größtenteils französischen Team in den Filmstudios Babelsberg, wo man ja mit Stolz auf eine lange Märchenfilmtradition zurückschaut.

Es war also einmal ein allein erziehender Kaufmann (André Dussollier), der in stürmischen Zeiten Hab und Gut verlor. Mitsamt seinen Kindern zieht er in eine Hütte aufs Land. Kaum kommt das Gerücht auf, dass er einen Teil seines Vermögens zurückerhalten könnte, geht der Kaufmann wieder in die Stadt. Seine Kinder bieten ihm nicht etwa an, beim Wiederaufbau behilflich zu sein. Faul und verwöhnt bestellen sie lediglich luxuriöse Mitbringsel. „Die Schöne und das Biest“ handelt eben auch davon, wie ererbter Reichtum zur Verkommenheit führen kann und wie wenig ein System aus zeitweiligen Krisen zu lernen bereit ist.

Tragischerweise stürzt ausgerechnet Belle (Léa Seydoux), die einzige bescheidenen Tochter, die Familie zusätzlich ins Unglück. Nichts als eine schlichte Rose hat sie sich vom Vater gewünscht, die dieser in einem verwunschenen Garten pflückt. Sein Besitzer, das Biest (Vincent Cassel), ein vereinsamter Adeliger mit übermäßiger Körperbehaarung, fordert ein Leben als Entschädigung. Belle nimmt, ganz die gute Tochter, alle Schuld auf sich und zieht zum Biest ins Schloss.

Regisseur Christophe Gans („Pakt der Wölfe“) gilt als Spezialist für ambitionierte B-Movie-Abenteuer. Mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit mixte er bisher Genres wie Western, Horrorfilm und Historienschinken. Das Märchen von „Die Schöne und das Biest“ lässt er nun im Grunde zwar unangetastet, fügt ihm aber eine metamythologische Vorgeschichte hinzu, die die Vergangenheit des Biests im Bereich der Umweltsünde neu kontextualisiert. Mit den früheren Verfilmungen des Stoffes aus dem Hause Disney oder gar mit Jean Cocteaus legendärer Version von 1946 will Gans gar nicht erst in Konkurrenz treten. Vielmehr ließ er sich von Hayao Miyazakis „Prinzessin Mononoke“ inspirieren, die die aus dem Gleichgewicht geratene Natur mittels Biester, Kobolde Waldriesen abbildete.

Ähnliche Riesen und der Appell für einen etwas sensibleren Umgang mit Mutter Natur finden sich nun auch in „Die Schöne und das Biest“. Gans hat in Babelsberg eine wunderbare Spielwiese gefunden, um mittels sehr viel Greenscreen-Technik ein fabelhaftes Märchenland zu bauen. Schade nur, dass ihm gegen Ende das Bewusstsein für die Stimmigkeit seiner Bilderwelt abhanden kommt.

Wenn ein Tropfen auf eine Wasseroberfläche trifft, oder ein rotes Blütenblatt in Zeitlupe zu Boden fällt, sieht man heutzutage eben nicht nur eine fallende Träne oder eine vergehende Rose. Solch abgenutzter Kitsch katapultiert einen schurstracks aus der märchenhaften Entrücktheit in die klischeebeladen Motivik von Werbefilmen für Hautpflege- und Pralinenprodukte.

Fantasy: F/D 2014, 114 min., von Christophe Gans, mit Léa Seydoux, Vincent Cassell, André Dussolier

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