Komödie

Sinnsuche im Big Apple

Zum dritten Mal lässt Cédric Klapisch seine Lieblingsfiguren aufeinandertreffen: „Beziehungsweise New York“

Manchen Regisseuren fällt es schwer, sich von ihren Figuren zu trennen. Sie mögen ihre Hand noch nicht loslassen nach dem Ende eines Films, ihre Neugierde darauf, was aus ihnen wird, ist mit dem Abspann nicht erloschen. François Truffauts Sehnsucht, Antoine Doinel wieder zu begegnen, dem Helden seines Regiedebüts „Sie küssten und sie schlugen ihn“, wuchs sich zu einer Serie von fünf Filmen aus; Richard Linklaters „Before Sunrise“ hat es immerhin bereits zu einer Trilogie gebracht.

Auch Cédric Klapisch gehört zu den Langzeitbeobachtern. 12 Jahre nach „Barcelona für ein Jahr“ nimmt er bereits zum zweiten Mal die Spur der Erasmus-Studenten um Xavier (Romain Duris) wieder auf. Barnaby Metschurat ist diesmal nicht mit von der Partie, aber gegen Audrey Tautou (die im zweiten Teil „Wiedersehen in St. Petersburg“ wenig zu tun hatte), ist kein Kraut gewachsen. New York ist die aktuelle Etappe dieses vielstimmigen Lebensromans.

Dorthin verschlägt es Xavier, als sich Wendy (Kelly Reilly), mit der er seit zehn Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat, in einen Amerikaner verliebt. Um seinen Kindern nahe zu sein, folgt er ihnen. Und noch ein Kind ist auf dem Weg: Aus Freundschaft zu Isabelle (Cécile de France) fungiert Xavier als Samenspender. Auch Isabelle hat die Liebe nach New York geführt; bei ihr und ihrer Lebensgefährtin kommt Xavier erst einmal unter. Sogleich trifft auch Martine (Tautou) dort ein, die gern wieder eine wichtigere Rolle in Xaviers Leben einnehmen würde. Als sei dies Wirrsal der Patchwork-Familien nicht schon kompliziert genug, muss Klapischs Held auch noch eine Scheinehe eingehen, da ihm ein argwöhnischer Beamter der Einwanderungsbehörde im Nacken sitzt.

Klapischs Filme sind eine Hommage an das Unvorhergesehene. Er liebt es, seine Figuren aus der Lebensbahn zu werfen und dann zu schauen, wohin es sie führt. Auch sein neuer Film ist ebenso planvoll wie ergebnisoffen. Munter springt er zwischen den Zeitebenen hin und her, Xavier will es partout nicht gelingen, seine Geschichte chronologisch zu erzählen. Klapischs Stil ist achtsam verspielt: Vergangenheit, Gegenwart und Phantasie gehen eine verschmitzte Allianz ein.

Kurzweil und Reflexion geraten in Wettstreit miteinander, denn Klapisch scheut nicht davor zurück, seinem Figurenensemble die großen Sinn- und Lebensfragen aufzuerlegen. Während sich zwischen den ersten Teilen nurmehr das Ambiente veränderte, sind nun auch die Charaktere in einem Wandel begriffen. Mit 40 sind sie nicht zu jung, eine Zwischenbilanz zu ziehen, ihre Vorstellungen von Freundschaft, Liebe und den eigenen Wurzeln zu überprüfen. Xavier hält Zwiesprache mit Hegel und Schopenhauer – und im Zweifelsfall weiß New York immer Rat. Auch wenn sich am Ende alles fügt: kaum vorstellbar, dass Klapisch seine Figuren einfach so ins Leben entlässt, ohne bereits an die Wiederbegegnung mit ihnen zu denken.

Komödie: F 2013, 117 min., von Cédric Klapisch, mit Romain Duris, Audrey Tautou, Cécile de France

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