Nina Stemme

Die schwedische Sirene

Nina Stemme singt die zurzeit beste Isolde. Und gönnt sich vor der Vorstellung immer die größte Portion Nudeln

Angst vor Wagner? „Ja!“, stöhnt Nina Stemme. „Ich hatte eine Riesenangst davor. Dabei hatte ich mir selbst geschworen, immer mit dem zufrieden zu sein, was ich ohne zu übertreiben fast von selbst erreichen kann.“ Vielleicht hat sie es gerade so geschafft. Ausgerechnet die lampenfiebrige, zurückhaltende und zögerliche Nina Stemme nämlich wurde zur amtierenden Weltmeisterin im Fach der ganz schweren Wagner-Mädchen. Die beste Isolde. Und auch die zurzeit beste Brünnhilde sowohl in „Walküre“, „Siegfried“ wie auch in „Götterdämmerung“.

Sie singt nie mehr als höchstens 50 Aufführungen pro Jahr. Macht knapp eine Vorstellung pro Woche. Nach Bayreuth geht sie vorerst gar nicht mehr. Die dreimonatige Abwesenheit von Stockholm erscheint ihr als zu hoher Preis. „Ich habe es fünf Jahre lang gemacht. Aber ich muss auch an meine Familie denken.“ Ihre drei Kinder sind im Teenager-Alter. „Ich habe viele Sängerinnen erlebt, die an Wagner auf Dauer gescheitert sind.“ Denn man muss sein ganzes Leben darauf einstellen. Stemme, die kürzlich einen Rückzug vom großen Wagner-Repertoire in Aussicht gestellt hat, ist übervorsichtig. Das heißt bei Wagner: gerade vorsichtig genug.

An der Wiege wurden ihr die hochdramatischen Dinger ohnehin nicht gesungen. „Ich erinnere mich, dass Plácido Domingo, als ich 1993 den Operalia-Wettbewerb gewonnen hatte, im Fernsehen prophezeite, ich würde eine Wagner-Sängerin werden“, erzählt sie lachend. „Ich dachte, er spinnt!“ Tatsächlich verfügte die Stimme noch nicht über die heutige, tolle Mittellage. Sie klang dunkel, „vielleicht zu dunkel“, so Nina Stemme im Rückblick. „Und ich war total glücklich mit Rollen wie Pamina oder Donna Elvira.“ Also ließ sie sich Zeit. Die 1963 in Stockholm geborene Sopranistin kam ursprünglich von der Bratsche und vom Klavier her. In Schweden hatte sie erst einmal Betriebs- und Volkswirtschaft studiert.

Für eine Gesangskarriere entschied sie sich erst, nachdem sie 1989 im italienischen Cortona debütiert hatte – als Cherubino im „Figaro“. Über Mozart, Puccini und Strauss kam sie zu Verdi und dann zu Wagner. Ihr Durchbruch war 2003 die Isolde in Nikolaus Lehnhoffs „Tristan“ in Glyndebourne. Auch an der Deutschen Oper erinnert man sich etwa an ihre sehr schöne Elisabeth im „Tannhäuser“ (neben Peter Seiffert). Die schlanke, sehr aufrechte Bühnenerscheinung verströmte schon damals eine Mischung aus Glamour und Ländlichkeit. Grandezza mit Bodenhaftung.

Eine sehr schwedische Mischung, kein Zweifel. Wie jede Sängerin ihres Landes steht für sie als Vorbild Birgit Nilsson obenan. „Man muss sie bewundern! Auch dafür, wie klug sie ihre Kräfte einteilte und wie lyrisch sie singen konnte.“ Sie bereue sehr, die Nilsson nicht mehr richtig kennen gelernt zu haben. „Ich hätte gerne Isolde mit ihr studiert. Aber ich traute mich nicht. Ich hatte zu viel Respekt.“

Fest vorgenommen hat sie sich, mit Rollen wie Fidelio, mit Puccinis Fanciulla und Turandot möglichst viel von ihrem ehemaligen, auch italienischen Repertoire beizubehalten. „Das lohnt sich“, so Nina Stemme über ihr Erfolgsgeheimnis. „Italienische Opern sind die beste Wagner-Schule.“ Sie bringen Geschmeidigkeit. Erst dadurch werden schwere Partien nicht zu Gewichtheber-Übungen. „Viele glauben, eine große Stimme müsse laut sein“, so Stemme. Genau das sei aber durchaus nicht notwendig der Fall.

Neben Birgit Nilsson bewundert Nina Stemme übrigens nicht zuletzt eine Sängerin, die mit der Deutschen Oper Berlin verbunden ist wie keine andere: Elisabeth Grümmer. „Die alte Schule eben!“ Mit Grümmer verbindet sie auch die dunkel mattierte Stimmtönung. Ein milder, fast etwas flaumiger Sirenenton. An ihrer eigenen Stimme freilich schätzt sie weniger deren klangliche Qualitäten. Als vielmehr das, was sie, wenn es gut geht, damit machen kann. „Ist man einen ganzen Tag glücklich, so ist das viel“, meint sie. „Das Unglück dagegen dauert immer mindestens eine Woche.“

Was macht eigentlich Nina Stemme, die amtierende Isolde, während der langen Wagner-Pausen? „Das ist tatsächlich ein Problem. Ich darf nicht einschlafen, denn sonst würde ich die nötige Spannung für die Aufführung verlieren. Also höre ich ein bisschen zu. Esse ein bisschen Salat oder Obst. Viel trinken! Aber auch nicht zu viel, sonst schwitzt man während der Aufführung zu sehr.“ Und was soll man als Sänger essen, bevor die Vorstellung losgeht? „Eine große Portion Pasta!“, so Nina Stemme. „Eine Riesenportion sogar! Es ist die italienische Voraussetzung, um danach Wagner zu interpretieren.“

Termine: Mi. 14. Mai, 17 Uhr, So. 18. und So. 25. Mai, jew. 16 Uhr