Titelthema: „Billy Budd“

John Chests Karriere begann auf hoher See

„Das Schiff schwankte auf hoher See. Da war ich als Billy Budd ganz in meinem Element“, erzählt John Chest (28).

Der Bariton, der seit dieser Spielzeit zum Ensemble der Deutschen Oper Berlin gehört, sang 2010 die Abschiedsarie des Matrosen Billy beim „Stella Maris“-Gesangswettbewerb. Acht junge Sänger aus aller Welt wetteiferten eine Woche lang auf der MS Europa um den Sieg. Die Kreuzfahrt führte sie währenddessen von Istanbul nach Rhodos und Syrien.

Beim Wettbewerbsfinale war das Schiff zwischen dem Libanon und Ägypten unterwegs. „An diesem Abend schaukelte es heftig. Alle waren irritiert, ich zunächst auch, aber dann stellte ich mir vor, wie die Wellen draußen den Matrosen in den Schlaf wiegen. Die Musik macht das in dem Moment nämlich auch.“

So gewann der Amerikaner gleich zwei Preise: den Publikumspreis und Probeaufnahmen bei der Deutschen Grammophon.

Schon seit langem freut er sich darauf, Billy Budd auf der Bühne zu verkörpern. Nun ist es endlich so weit. Der blonde, blauäugige Sänger mit dem sonnigen Naturell ist äußerlich die Idealbesetzung. Drei seiner Gesangslehrer hatten bei „Billy Budd“-Premieren gesungen, auch deshalb kam das Thema wohl immer wieder auf. Für den Sohn eines Klarinettisten aus Greenville / South Carolina war Singen immer eine große Leidenschaft, aber er konnte sich lange nicht vorstellen, dass er wirklich davon leben könnte. Das ganze Studium in Greenville und Chicago hindurch hatte er so seine Zweifel. „Erst bei meinem internationalen Debüt in Oslo realisierte ich: Ich bin jetzt wirklich ein professioneller Opernsänger.“ An diesem Abend hatte er Ned Keene in „Peter Grimes“ gesungen. Irgendwie scheint Benjamin Britten sein Schicksal zu sein. „Er wusste genau, wie man für einen hohen Bariton schreibt. Ich fühle mich so wohl in der Rolle. Es kommt mir vor, als hätte Britten den ,Billy Budd’ für mich komponiert.“