Zu Besuch bei Ildebrando D’Arcangelo

Ein Herzensbrecher auf und hinter der Bühne

Ildebrando D’Arcangelo gilt heute als Don Giovanni vom Dienst. Dabei sang der Bassbariton in Mozarts Oper früher die Partie des Leporello. Auch als Berlioz’ Mephisto verkörpert der italienische Sänger den Verführer

So viel Akrobatik ist für Sänger schon ungewöhnlich. Bei der Premiere von „Don Giovanni“ vor dreieinhalb Jahren staunte das Publikum nicht schlecht. Ildebrando D’Arcangelo und Alex Esposito spornten sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. Schon die Proben waren vom sportlichen Ehrgeiz der Beiden geprägt. Wenn sie nicht auf der Bühne gebraucht wurden, liefen Don Giovanni und sein Diener Leporello ständig zusammen ins Fitness-Studio. Für drei Vorstellungen (27.5., 30.5., 8.6.) kehrt das Premierengespann jetzt wieder zurück an die Deutsche Oper Berlin.

„Das ist für mich wie ein Sprung in die Vergangenheit“, sagt D’Arcangelo. „Ich erinnere mich gut an die Proben. Wir haben hart gearbeitet – und uns prächtig amüsiert.“ Der Italiener mit den schwarzen Locken und den sinnlichen Lippen, dem man den verführerischen Draufgänger sofort abnimmt, ist so etwas wie der Don Giovanni vom Dienst. Er singt seine Paraderolle auf der ganzen Welt zwischen Wien, Verona, Salzburg und Los Angeles.

„Jeder sieht in ihm den großen Verführer, aber das ist längst nicht alles. Interessanter ist doch, wie und warum er seinem Untergang entgegeneilt“, meint der 44-jährige Bassbariton. Er glaubt nicht, dass Don Giovanni ein brutaler, rücksichtsloser Mensch ist. Eher ein Mann, der eine große Leere in sich spürt, die er vergeblich mit Liebesaffären zu füllen versucht. „Aber er bleibt sich selbst treu. Als er am Ende um Verzeihung bitten soll, um vielleicht erlöst zu werden, weigert er sich“, erklärt der Sänger. „Ich denke immer wieder über ihn nach und lese viel dazu. Es gibt ja so viele Bücher zu diesem Thema, das ist eine gewaltige Forschungsaufgabe.“

Er freut sich auf die Wiederbegegnung mit seinem Berliner Premieren-Leporello Alex Esposito. Für den Erfolg der Aufführung ist es ausgesprochen wichtig, dass Don Giovanni und Leporello gut zusammenarbeiten. „Sie sind so etwas wie zwei Seiten einer Medaille“, meint D’Arcangelo. Er findet es sehr hilfreich, beide Rollen in- und auswendig zu kennen. Viele Jahre lang war er überall als Leporello gefragt. Weil sein komödiantisches Temperament so gut ankam, hatte er schon Bedenken, dass man ihm die Rolle des Verführers nicht zutrauen würde. Doch der Aufstieg vom Diener zum Herrn gelang, nach seinem Leporello hat ihn nun schon lange kein Haus mehr gefragt.

Wie viele italienische Sänger hatte er früher seine Schwierigkeiten mit dem deutschen Regietheater. In konventionellen Inszenierungen fühlte er sich deutlich wohler. Regisseure wie Roland Schwab, der den Berliner „Don Giovanni“ inszenierte, halfen ihm, seine Meinung zu ändern. „Vor den Proben haben wir im Café gesessen und sind Seite für Seite seine Sicht auf das Stück durchgegangen. Es ist wichtig für einen Sänger, an die Version des Regisseurs zu glauben. Schließlich muss der Sänger dem Publikum vermitteln, was der Regisseur meint.“ Inzwischen ist D’Arcangelo geradezu ein Fan moderner Inszenierungen. Er sucht die Herausforderung.

In Berlin hat er sich viele Freunde gemacht, nicht nur auf der Bühne der Deutschen Oper, sondern auch hinter den Kulissen. Leute aus der Opernverwaltung schrieben ihm begeisterte Mails, weil sie sich freuen, ihn wiederzusehen: „Vom Büro bis zur Kantine sind alle eine große Familie.“ Vor allem freut er sich, dass er in Berlin zwei Rollendebüts geben darf. Am 23. Mai singt er zum ersten Mal den Méphistophélès in „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz. Christian Spucks Inszenierung der „dramatischen Legende“ hat erst im Februar Premiere gefeiert.

Im Juni kommenden Jahres wird er dann schon wieder Méphistophélès – in Charles Gounods „Faust“. „Bei Gounod ist Mephisto ein richtiger Teufel, bei Berlioz ist er irgendwie menschlicher.“ Der Sänger war noch nie neidisch auf die sonnigen Helden, die die Tenöre spielen. D’Arcangelo liebt seine vielschichtigen Bariton-Finsterlinge. Mit den beiden neuen Rollen erweitert der Italiener sein französisches Repertoire.

Die Franzosen findet er perfekt für seine Stimme. Er möchte aber gern weiter gehen, in ein paar Jahren Philipp II. in „Don Carlos“ und die Titelrolle in „Attila“ singen. Ildebrando D’Arcangelo orientiert sich am Repertoire von Cesare Siepi. Es ist für ihn an der Zeit, sich mit Verdi zu beschäftigen, aber die Opernhäuser müssen auch mitspielen. „Das ist gar nicht einfach. Wenn man wie ich immer abwechselnd Mozart und Rossini singt, trauen einem die Operndirektoren irgendwann nichts anderes mehr zu.“

Wenn es nach seinem Vater gegangen wäre, wäre D’Arcangelo Pianist geworden. Zehn Jahre lang studierte er intensiv Klavier, übte bis zu sieben Stunden am Tag. Er selbst wollte eigentlich Dirigent werden. „Ich war ganz verrückt nach Orchestermusik“, erinnert er sich. Seine Heimatstadt Pescara, anderthalb Stunden mit dem Auto von Rom entfernt, hat kein ausgeprägtes Musikleben. Vor seiner Geburt gab es einmal ein Theater, in dem auch Opern gespielt wurden. Doch die Gemeinde beschloss, es in ein Parkhaus umzuwandeln. Auch ein Symphonieorchester gibt es in dem Abruzzen-Städtchen nicht.

Ildebrando fischte sich die Orchesterplatten aus der umfangreichen Plattensammlung seines Vaters heraus. Auch die Musik von Bach war im Elternhaus stets präsent, der Vater ist Organist. Das Künstlerische liegt in der Familie. D’Arcangelo hat einen Urgroßvater, der in die USA auswanderte und Hollywood-Schauspieler wurde. In dem Film „Blutrache in New York“ spielte er neben Gene Kelly. „Danach starb er leider. Ich möchte versuchen, sein Grab zu finden. Meine Wurzeln sind mir wichtig.“

Seine erste Begegnung mit der Oper war nicht gerade vielversprechend. Mit acht Jahren sah er sich den „Barbier von Sevilla“ im Fernsehen an, verstand nichts und schlief nach dem ersten Akt ein. Später saß er mit seinem Vater am Klavier, spielte und sang mit ihm aus Spaß „Rigoletto“. Erst als er 16 Jahre alt war, entdeckte seine erste Gesangslehrerin seine schöne Stimme. „Die Welt der Oper überwältigte mich dann ganz schnell, vielleicht war das Schicksal“, überlegt er. Nach dem Studium und zwei gewonnenen Gesangswettbewerben wurde seine Karriere gleich international. Als Figaro und Graf Almaviva, Don Alfonso und Escamillo ist er an den großen Häusern gefragt.

Noch immer spielt Ildebrando D’Arcangelo gern Klavier, und auch der Traum, Dirigent zu werden, spukt noch in seinem Kopf herum. „Wenn ich das wirklich machen sollte, höre ich aber auf jeden Fall mit dem Singen auf. Ich muss mich auf eine Sache konzentrieren. Ich begreife nicht, wie Plácido Domingo alles auf einmal schaffen kann. Er ist ein Genie mit unglaublicher Energie.“

Heute ist Ildebrando D’Arcangelo nach dem Dichter Gabriele d’Annunzio der zweitberühmteste Bürger seiner Heimatstadt Pescara. Er liebt sein Sängerleben, findet es nur schwierig, so oft allein ohne die Familie unterwegs zu sein. Seine Tochter hat eine schöne Stimme und tritt vielleicht in seine Fußstapfen. Vielleicht auch nicht. „Sie wechselt alle halbe Jahre ihre Meinung.“ In Pescara hat der Sänger ein Haus gebaut. Er liebt es, dort im Garten zu arbeiten, er ist nur kaum dort. „Ich bin Italiener, also ein Familienmensch. Ich hätte nicht gedacht, dass das ständige Unterwegssein so hart werden würde.“

Zwei CDs mit Arien von Händel und Mozart nahm er bei der Deutschen Grammophon auf. Ein drittes Plattenprojekt ist nicht in Sicht. Dafür hat D’Arcangelo im letzten Jahr sein Talent als Lehrer entdeckt. In Chicago fragte man ihn, ob er nicht eine Meisterklasse geben wolle. Er lachte und sagte, er hätte noch nie im Leben unterrichtet. Dann versuchte er es doch und war ganz überrascht und glücklich, als seine Studenten am Ende darauf drängten, dass er wieder eingeladen wird. Vorerst ist der Künster aber hauptsächlich als Don Giovanni unterwegs, nicht nur in Berlin, sondern danach auch bei den Salzburger Festspielen und in Oslo. „Wir Sänger sind wie die Priester“, findet Ildebrando D’Arcangelo. „Sie beten Gott an – und wir die Stimme.“