Biopic

Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten

Ein Biopic erzählt aus dem bewegten Leben des manisch-depressiven Mode-Genies: „Yves Saint Laurent“

Die Modeszene ist ein tückisches Sujet. Das Spiel mit Farben, Formen, Texturen kann sehr verführerisch wirken, sich aber auch leicht als hohl und leer entlarven.

Außenstehende begegnen dem Jahrmarkt der Haute-Couture-Eitelkeiten mit belustigter Herablassung, Insider neigen zu heiligem Ernst. Scheinbar ist es schwer, die richtige Balance zwischen Respektlosigkeit und Bewunderung zu finden, die den schönen Oberflächen sinnliche Leidenschaften entlockt. Selbst der große Robert Altman hat sich in seinem Modefilm „Pret-à-Porter“ daran verhoben, weil seine mokierende Grundhaltung die Szene als albernen Zirkus desavouierte, und damit die Schaulust vergiftete. Im Kontrast dazu ist das aus der Perspektive des langjährigen Geliebten und Geschäftspartners Pierre Bergé erzählte Biopic „Yves Saint Laurent“ viel zu devot und brav geraten.

Nach mehreren Spielfilmen über Coco Chanel scheint jetzt die nächste große Pariser Mode-Ikone dran zu sein, zunächst in der Version des Schauspielers Jalil Lespert, am Ende des Jahres wird eine zweite von Bertrand Bonello folgen, mit Gaspard Ulliel in der Titelrolle. Und womöglich ist es ein Vorteil, dass dieser Film, der in Cannes Premiere feiern wird, ohne Bergès Segen und Kritik entstanden ist.

Der Film beginnt mit dem Ende, Yves Saint Laurent ist schon eine ganze Weile tot, Bergé (gespielt von Guillaume Gallienne aus dem Mutterkomplex-Film „Maman und ich“) hat die gemeinsam erworbenen Kunstschätze verpackt und räsoniert darüber, dass der Wert einer Kunstsammlung darin liege, dass sie einen Moment im Leben einfange. Doch nach dem Tod des Geliebten, mit dem Bergé auch nach der Trennung befreundet war, sei sie nur noch ein Mahnmal für Verlust und Schmerz. Sein wehmütig liebvoller Blick prägt die Lebenserzählung. Fast wie ein Liebesbrief an den Verstorbenen mutet der Film bisweilen an. Sie beginnt mit Saint Laurents Anfängen als blutjunges Designergenie für Dior.

Pierre Niney spielt den kleinen Prinzen der Haute Couture wie einen linkisch-scheuen Zauberlehrling im Modezirkus. Seine charakteristische, schwarze Hornbrille erinnert heutzutage an Harry Potter. Auch Saint Laurent hat immer wieder Mühe damit, seinen eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Während Karl Lagerfeld (gespielt von Klaus Kinskis Sohn Nicolai) ein Meister der Selbstdarstellung ist, der im Rampenlicht aufblüht, verkümmert Saint Laurent dort eher wie eine lichtscheue Pflanze und muss am Ende seiner Defilées sogar noch auf die Bühne geschubst werden.

Filme über berühmte Schöpfer nähren sich vom Widerspruch zwischen äußerem Triumph und innerer Tragödie. Auch der berühmte Modedesigner hatte trotz seines enormen Erfolges lebenslang mit Depressionen und Drogenmissbrauch zu ringen und mit den Folgen eines selbstzerstörerisch ausschweifenden Lebens. Früh ist er Assistent des großen Christian Dior, als der unerwartet stirbt, wird er mit nur 21 Jahren zum künstlerischen Leiter des renommierten Modehauses. In der Folge eines Presseskandals um seine militärkritischen Äußerungen im Zusammenhang mit dem Kriegsdienst, den er aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten muss, kommt es zum ersten, großen Zusammenbruch.

Bergé führt ihn stützend aus der Krise, als liebevoller Partner im Leben und im Geschäft. Er ist es auch, der 1961 die Gründung des eigenen Modeimperiums mit den ikonischen Lettern YSL anregt. Obwohl sie sich auch nach der Trennung 1976 noch 30 Jahre lang, bis zu Saint Laurents Tod 2008, eng verbunden bleiben, bricht der Film hier unvermittelt ab. Bei aller Zärtlichkeit des Blicks bleibt die abgeklärte, ältliche Perspektive problematisch, aus der die Geschichte eines der großen Neuerer der Mode erzählt wird.

Nichts ist da zu spüren von den Funken der Rebellion gegen Geschlechter-Grenzen durch einen Mann, der den Smoking für die Frauen erobert und die harten Geometrien von Piet Mondrian über weiche Frauenkörper gelegt hat. So ist Jalil Lesperts Film vordergründig zwar so stilvoll elegant wie die Entwürfe von Saint Laurent, lässt aber doch schmerzlich die kreativen Funken vermissen, aus denen heraus sie entstanden sind.

Biopic: F 2013, 2013, 104 min., von Jalil Lespert, mit Pierre Niney, Guillaume Gallienne, Charlotte Le Bon

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