Kiez auf Kulinarisch

„Das ist schon ein cooles Stück Kreuzberg“

Zwei-Sternekoch Michael Kempf mag es exotisch. Er schätzt die asiatische Küche in seinem Wohnviertel

Es ist ein Morgen, der einen warmen Tag verspricht. Noch bilden die Wolken einen Schleier, es sind kühle acht Grad. Die Bänke auf dem Bürgersteig vor dem „Bateau Ivre“ an der Oranienstraße sind leer, für ein Frühstück im Freien ist es noch zu ungemütlich. Michael Kempf überlegt kurz. Er blickt auf die belebte Kreuzung, er schaut in den Himmel und sagt: „Ich würde gern draußen sitzen.“ An den meisten Tagen, erklärt der 37-jährige Zwei-Sternekoch, fahre er von einer Tiefgarage in die andere Tiefgarage und halte sich in geschlossenen Räumen auf. Jetzt wolle er den Kopf „auslüften“.

Vor dem Tisch breitet sich das Kreuzberger Leben aus. Frauen in langen Mänteln ziehen mit ihren Einkaufwagen los, Nachtschwärmer kommen aus den Bars, Touristen streifen suchend umher. „Leute gucken“ – das finde er gut, wenn er frühstücken gehe, sagt Kempf. Vor dem „Bateau Ivre“ sitzt er dafür in der ersten Reihe. Es sei schon ein „cooles Stück Kreuzberg“ rund um den Heinrichplatz bis zum Paul-Lincke-Ufer, findet Kempf.

Gewohnt gemischte Platte

Eine Speisekarte braucht er nicht. Vor sechs Jahren hat er das „Bateau Ivre“ entdeckt, seitdem ist es sein favorisiertes Frühstückslokal. Er bestellt eine kleine gemischte Platte mit Käse, Schinken, Paprika, Oliven und Tomaten. Kein Sternefrühstück, aber gute Produkte und gute Qualität, so sein Urteil.

Geschmack und Aromen gehen vor Design – das ist auch sein Credo als Küchenchef des Restaurants „Facil“ im Mandala Hotel am Potsdamer Platz. Er fing vor zehn Jahren als stellvertretender Küchenchef an und rückte nur zwei Monate später in die Chefposition auf, weil der Job frei wurde. Kempf nahm die Herausforderung an. Es war die richtige Entscheidung. Seine Berliner Glückssträhne wurde 2013 mit dem zweiten Michelin-Stern für das „Facil“ gekrönt. Seine Hochzeit im selben Jahr machte sein Glück perfekt.

Während er erzählt, hält ein Bus an der Haltestelle genau vor dem Tisch. Kempf verstummt kurz, zu laut ist das Dröhnen des Motors. Als der Bus weg ist, sagt er: „Von mir aus kann es ruhig laut sein.“ Das sei das Großstadtfeeling, und das suche er an seinen freien Tagen. Die beginnen nach dem Ausschlafen gegen elf Uhr. Vom Frühstück gestärkt, macht er sich dann auf seine Joggingstrecke, am liebsten vom Paul-Lincke-Ufer zum Hafen am Treptower Park durch den Plänterwald und wieder zurück. Etwa 14 Kilometer sind das. Längere Strecken stehen an, wenn sich ein Marathon nähert. In diesem Jahr läuft er das dritte Mal mit. Sechs Wochen vorher startet er sein Training mit 120 Kilometern pro Woche. Seine Bestzeit liegt bei drei Stunden elf Minuten. Auf seinem Spind stehen die Laufschuhe immer bereit. Pausen oder abgesagte Termine nutzt er zum Joggen durch den Tiergarten. Nach einem Lauf braucht der Koch ein leichtes Mittagessen. Das findet er im japanischen Restaurant „Cocolo Ramen“ am Paul-Lincke-Ufer. Ramen sind Nudelsuppen mit Toppings wie Gemüse, Hackfleisch, Huhn, Schweinebraten und Garnelenteigtaschen. Keine kostet mehr als zehn Euro. „Die Suppen waren früher ein preiswertes Arbeiteressen“, erzählt Küchenchef Yosuke Sumida. Jetzt habe sich daraus eine eigene Suppenkultur entwickelt.

Michael Kempf bestellt sich eine Suppe mit geräuchertem Huhn, Gemüse und Bonitoflocken, die aus getrocknetem Thunfisch gemacht werden. Er findet die japanische Küche „genial“. Mit seiner Hochzeitsreise nach Japan habe er sich einen lang gehegten Traum erfüllt, sagt Kempf. Drei Wochen ist er mit seiner Frau durch das Land gereist.

Mit Begeisterung in Tokio

Er erzählt von Tokio, den geschäftigen Menschen und der Sicherheit in der U-Bahn. Überrascht worden sei er von den vielen Hybridautos, die kaum ein Geräusch verursachen. Kempf hat aber auch die Japaner beim Kochen beobachtet. Beeindruckt hat ihn, wie sie mit den Messern umgehen. „Sie schneiden nicht, sie ziehen das Messer“, erklärt er. Das sei richtig, denn man könne mit dem Messer den Geschmack „kaputt machen“.

Der Nachmittag eines freien Tages gehört wieder dem urbanen Leben. Am liebsten spaziert er mit seiner Frau in Mitte durch die Hackeschen Höfe. Beide lassen sich vom Strom der Touristen mitziehen. Zu Hause in der Kreuzberger Wohnung ist sie die Chefin in der Küche. „Ich setze mich dann mit einem Glas Wein an den Tisch und sehe zu“, sagt Michael Kempf. Sie sei experimentierfreudig und sehr offen für Neues. Ratschläge brauche und wolle sie auch nicht. Das sehe er ganz entspannt. Seine Frau war es auch, die das Lokal für das Dinner mit einer Freundin entdeckt hat.

Das „Kimchi Princess“ an der Skalitzer Straße überrascht mit einem ausgefallenen, puristischen Design. Rote Containerwände, lange Holzbänke. Serviert wird koreanische Küche, zu der unbedingt „Kimchi“ gehört – ein durch Milchsäuregärung zubereitetes Gemüse wie Rettich, Lauch und Chinakohl. Kahi Jeong, die Bildende Kunst in Berlin studiert, baut einen Grill auf dem Tisch auf, dazu eine Platte mit fein geschnittenem Schweinebauch und viele kleinen Schälchen mit Gemüse, Reis, Knoblauch, Miso- und Chilisauce. Besteck gibt es nicht. Die 27-Jährige legt ein Salatblatt in die hohle Hand und füllt es nacheinander mit gegrilltem Fleisch und den anderen Zutaten. Als Michael Kempf auch zugreifen will, stoppt sie ihn. „Immer Hände waschen vor dem Essen, sonst kriegst du Ärger“, warnt sie. Andrea Volpato, einer der beiden Chefs, muss darüber lachen. Ja, die Hälfte seiner Mitarbeiter seien Koreaner, und die würden aufpassen, dass es genau wie in Korea zugehe. Michael Kempf greift endlich zu. Er wickelt das Salatblatt, beißt herzhaft hinein und genießt. Für die Koreaner ist das Grillgericht ein Sonntagsessen, für ihn ist es ein Genuss an einem freien Tag. Er legt ein neues Stück Fleisch auf den Grill – und lehnt sich zurück.