Berliner Perlen

Ein Laden voller Sehenswürdigkeiten

„Madeleine und der Seemann“ ist mehr als eine Videothek für Anspruchsvolle. In den vergangenen vier Jahren wurde das Geschäft in Lichtenberg zum Treffpunkt der Szenegänger und Cineasten

Manche Orte sind immer und überall gleich. Parkhäuser und Drogerien zum Beispiel. Videotheken ebenso, was schade ist, da doch Film spannender wirkt als Haarschaum oder Zahnbürsten und das ewige Hin und Her des Ausleihens abwechslungsreicher ist als das rhythmische Piepen vollbesetzter Kassen. Das haben sich auch zwei Berliner gedacht: Anne Petersdorff und Oliver Kubisch.

Vor vier Jahren gründeten sie die Videothek „Madeleine und der Seemann“. Und tatsächlich unterscheidet sich der Laden in Lichtenberg enorm von anonymen Verleihern. Vor dem Geschäft stehen Sofas und Tischchen, bei gutem Wetter sitzen die Nachbarn den ganzen Tag über dort herum, begrüßen sich, trinken ein Bier oder diskutieren über – was sonst? – Filme. Das passt gut in diese Kaskelstraße, wo jetzt die Bäume grünen, wo die Sonne scheint und aus jeder Ecke Kindergeschrei zu hören ist. Der Kiez ist ein „kuscheliges Rückzugsgebiet“, wie Kubisch sagt. Für eine Videothek wie „Madeleine und der Seemann“ ist das perfekt. Denn im Fokus des Verleihs stehen nicht nur erklärte Cineasten, sondern vor allem auch Familien, Kinder und Nachbarn: Anwohner eben.

Mehr als 500 Kinderfilme

Oliver Kubisch erzählt vom Softeis der Videothek, dessen Geschmack „DDR-Kindheitserinnerungen“ wecke. Anne Petersdorff führt durch die hohen Räume des Geschäfts. Sie sei besonders stolz auf die mehr als 500 Kinderfilme, die in den Regalen stehen. Vorausgesetzt, man findet sie. Mit der Sortierung der Filme ist das nämlich so eine Sache. Folgt man den Betreibern bei einem Rundgang durch den Laden, glaubt man ihnen bald, dass viele Filme einfach „irgendwie“ sortiert sind. Manche nach Nationalität der Produzenten, manche nach Alphabet und wieder andere nach ihrem Regisseur. Schlimm ist das nicht. Im Gegenteil. Es trägt zum Charme des Ladens bei. Außerdem soll der Kunde auch gar nicht auf Anhieb finden, was er sucht.

Die meisten Besucher kommen, um sich von den Inhabern oder den drei Mitarbeitern beraten zu lassen. „Natürlich haben wir alle einen unterschiedlichen Geschmack“, sagt Petersdorff. „Deswegen gibt es Kunden, die extra zu mir kommen, und andere, die eher den Oliver bevorzugen.“

An den Ladenregalen kleben kleine Schilder, auf denen jeweils Bild und Name eines Mitarbeiters zu sehen sind. Frei nach dem Motto: „Diese Filme empfiehlt euch ..!“ Das Geschäft steckt voll solcher etwas improvisierter Details. Das fängt schon mit dem Namen an. Monatelang stritten sich die beiden Gründer, wie ihre Videothek heißen sollte. Kubisch setzte sich für einen klassischen Filmkunst-Namen ein, etwas wie „Schwarze Kurbel“ zum Beispiel. Seine Partnerin hatte eher familienfreundliche Namensvorschläge wie „Glotzigel“. „Das war die erste Hürde, die wir nehmen mussten“, sagt er. „Das führte fast zum frühen Ende des Projekts“, sagt Anne Petersdorff und grinst.

Schließlich suchten sie 50 Filmtitel heraus, die sie vom Wortklang besonders gelungen fanden. Den Gewinner, „Madeleine und der Seemann“, mit einem jungen Lino Ventura in Schwarz-Weiß, hat allerdings keiner von beiden je gesehen.

Die Namensfindung sollte nicht das letzte Problem sein. Keinem von beiden war klar, wie viel bürokratische Arbeit hinter einem Verleih mit inzwischen mehr als 5000 Filmen steckt. Dazu kam, dass das Geschäft erst einmal kernsaniert werden musste. Inzwischen ist natürlich längst alles eingerichtet. Seit zwei Monaten hat sogar der Keller eine neue Funktion: Jeden Mittwochabend öffnet sich hinter dem Tresen knarzend eine Luke und gibt den Weg zum Filmvorführraum im Untergeschoss frei. Auf niedrigen Hockern und Sitzkissen gruppieren sich dort bis zu 15 Gäste vor der Leinwand. Der Eintritt ist frei, das Programm wird vorher via Facebook bekanntgegeben. Sogar gegen den latenten Kellergeruch kann etwas getan werden. „Berlin hat damit immer noch ein Raucher-Kino“, sagt Petersdorff.

Gegner Internet

Wer hierherkommt, will also nicht nur schnell einen Streifen für den Abend ausleihen. An der Theke gibt es Wein, wer will, bekommt auch ein Brettspiel, und statt kleiner Plastikkärtchen trägt man das Filmcover zum Tresen, um die DVD ausgehändigt zu bekommen. Doch der wahre Unterschied zur klassischen Videothek an der Ecke ist, wie Kubisch sagt, wohl der Umgang mit den Kunden, der bei „Madeleine und der Seemann“ gepflegt wird.

„Wer heute eine Videothek betreibt, braucht ein gutes Konzept, um den Laden am Leben zu halten“, sagt Oliver Kubisch. „In einer Zeit, in der sich Verleihe im Rückzugsgefecht mit dem übermächtigen Gegner Internet befinden, reicht es nicht, hervorragend sortiert zu sein.“ Die Publikumsströme an einem ganz normalen Frühlingstag zeigen, dass dieser Verleih sein Konzept gefunden hat. Das Geschäft ist nicht bloß ein DVD-Laden. Es ist Kneipe, Kinderstube, Eisbude und: ein echter Kieztreffpunkt.

Madeleine und der Seemann Kaskelstraße 31, Lichtenberg, Tel. 488 127 01, So. bis Do. 11–23 Uhr, Fr. und Sbd. 11–24 Uhr