Zwölf Stunden

Abends kommt der Messias

Tänzer, Chor, Orchester und Handwerker bringen die Johannespassion von Bach auf die Bühne des Berliner Doms. Nur für den Gottesdienst werden die Vorbereitungen unterbrochen

09:00 Besucher aus aller Welt sind im Lustgarten unterwegs. Auch der Berliner Dom ist Ziel für Tausende Gäste. Neben der beeindruckenden Architektur und der Geschichte des Bauwerks an der Spree bekommen die Gäste des Gotteshauses in diesen Tagen einen weiteren kulturellen Höhepunkt geboten. Sie werden tagsüber Zeugen der Proben für die Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Sänger, Chor, Tänzer und Orchester üben ihre Parts für die Aufführungen am Abend.

10:45 Im Gewölbe ist Produktionsassistent Patrick Sabin dabei, zu bauen, zu basteln und vorzubereiten. Der 32-Jährige nennt sich selbst „Mädchen für alles“. Er baut an den Kulissen und Bühnenelementen, repariert Requisiten und nimmt die Darsteller vor den Proben am Nachmittag in Empfang. „Früh gehöre ich zu den Ersten“, sagt er, „abends bin ich meistens der Letzte, der den Dom verlässt.“

11:15 Auf der Bühne vor dem Altar singen sich die ersten Künstler ein. Zwischen den Sitzreihen stehen zwei Tänzerinnen und machen Aufwärmübungen. Die hölzernen Kirchenbänke dienen als Haltestangen. Für die jungen Dombesucher aus dem Ausland rückt die Pracht der größten Kirche Berlins in den Hintergrund. Die Mitglieder des Künstlerensembles sind in diesem Moment beliebtere Motive.

12:00 Im Hauptgang des Doms baut ein Fernsehteam Kamera und Beleuchtung für ein Interview auf. Am frühen Nachmittag soll ein Gespräch mit dem Dirigenten Christoph Hagel aufgezeichnet werden. Hagel hat die Johannespassion inszeniert.

13:10 Im Büro des Produktionsleiters Mark Boese wird die Johannespassion verwaltet und in Zahlen gefasst. „Wir arbeiten die Verträge aus, erstellen die Abrechnungen und bereiten den Kartenverkauf für die Abendkasse vor“, sagt Boese. Auch die Gastauftritte in anderen Städten werden hier geplant. „Es wird Gastspiele in Dresden, in Biberach, in Taufkirchen und in Leipzig geben“, sagt Boese.

14:05 Im Café des Berliner Doms, der inoffiziellen Künstlerkantine, warten Darsteller auf ihren Einsatz. Einige von ihnen kommen aus Japan, Ungarn, Italien und Mexiko. Mark Boese: „Fünf Sängersolisten, zehn Tänzer, fünf Kindertänzer, 22 Orchestermusiker und 22 Choristen sind an der Aufführung beteiligt.“

14:30 Der technische Leiter Uwe Lockner schleppt mit Mitarbeitern acht große Scheinwerfer auf die andere Seite der Spree. Dem Dom gegenüber werden die Scheinwerfer ausgerichtet und festgekettet. „Für die letzte Szene der Aufführung werden im Dom alle Lampen ausgeschaltet“, erklärt Lockner. „Dann wird ein Lichtoperator mit einem Funkgerät die Anweisung nach draußen geben, alle Scheinwerfer gleichzeitig einzuschalten.“ Der Lichtstrahl würde dann von außen durch die bunten Motivscheiben hinter dem Altar des Gotteshauses scheinen und in der Kirche ein wundersames Licht schaffen.

15:10 Choreograf und Tänzer Martin Buczko bespricht Änderungen für die Aufführung. Im Vorjahr wurde auf einem Torfboden getanzt, in diesem Jahr sollte es ein Boden aus Korkstückchen sein. „Durch das Tanzen hat es so gestaubt, dass es für die Sänger schwer erträglich wurde“, sagt Buczko. „Wir haben einen glatten Tanzteppich auf der Bühne verlegt.“ Damit würden bereits einstudierte Bewegungen, wie beispielsweise das Greifen nach dem Erdreich, wegfallen oder müssten anders dargestellt werden.

16:15 An Babette Holzhauer kommt kein Dombesucher vorbei. Gemeinsam mit Kolleginnen verkauft sie von 10 bis 18 Uhr Eintrittskarten für den Dom, für Ausstellungen oder die Johannespassion. „Wir müssen natürlich auch viele Fragen in verschiedenen Sprachen beantworten“, sagt sie. „Oft wird bei einer Visite im Dom anschließend nach dem Weg zu einer anderen Sehenswürdigkeit gefragt.“ Bis 20.15 Uhr übernehmen Mitarbeiter des Veranstalters Abendkasse und Einlasskontrolle.

17:00 Auf der Bühne proben Tänzerinnen und Tänzer. Sie sprechen Schritte ab und folgen den Anweisungen des musikalischen Leiters Christoph Hagel. An seiner Seite wartet die Korrepetitorin Insa Bernds auf ihren Einsatz. Ihre Aufgabe ist es, bei den Proben am Klavier zu spielen, was am Abend das Orchester vorträgt. Die Zeit drängt. Um kurz vor 18 Uhr müssen die Proben für den täglichen öffentlichen Gottesdienst unterbrochen werden.

18:00 Die Kirchenglocken haben den öffentlichen Gottesdienst angekündigt. Teile der Bühne und der Veranstaltungsausrüstung mussten abgebaut und aus dem Kirchenschiff herausgetragen werden. In den Nebenräumen warten die Mitarbeiter auf die abschließende Worte des Pfarrers. Dann kann für die Abendvorstellung wieder aufgebaut werden.

18:20 Die zeitliche Lücke zwischen der Probe und der abendlichen Veranstaltung nutzt Tänzer Buczko immer gern für eine kleine Mahlzeit. Er sitzt auf dem Boden in der provisorischen Garderobe. „Ich ernähre mich seit Jahren vegan“, sagt er. „Meinen Kaffeekonsum habe ich auch zum größten Teil eingestellt.“ Ein Rest Tanzteppich dient ihm als Tisch. Gemüse, Brot und veganer Brotaufstrich sind wie bei einem Picknick vor ihm ausgebreitet.

18:45 Der Gottesdienst ist vorüber und alle packen mit an. Bis zur Aufführung müssen die Bühne wieder stehen und die Stühle für das Orchester aufgebaut sein. Die Helfer schieben schwere Gerätekisten rumpelnd über den Kirchenboden und rücken Stühle zurecht. Ungefähr eine Stunde Zeit bleibt ihnen bis zum Einlass für die Abendveranstaltung.

19:10 Tonmeister Volker Waßmann positioniert zwei Mikrofone am Cembalo. Marianna Henriksson aus Finnland spielt das Instrument, das sie wegen des vielen Hin- und Herschiebens täglich stimmen muss.

20:15 Die Aufführung beginnt gruselig. Über dem Altar rollt automatisch eine Leinwand aus. Ein kurzer Film über einen amerikanischen Gefängnisdirektor und einen zum Tod verurteilten Gefangenen eröffnet den Abend. Der Clip handelt von Vergebung und soll die nun folgende biblische Geschichte in einen heutigen Zusammenhang stellen. Die Filmsequenz endet, die Musik von Johann Sebastian Bach setzt ein und das Ensemble beginnt seine Vorführung.