Drama

Trau niemand über zwölf

Erst kommen die Demütigungen, dann kommt das Misstrauen: Das Leben nach der Flucht zeigt „Westen“

Bevor sie ausreisen darf, führen ihr die Grenzpolizisten der DDR noch einmal vor, dass sie den Ruf, Meister im Schikanieren und Demütigen zu sein, nicht umsonst tragen. Die Papiere von Jenny Senff sind in Ordnung. Trotzdem wird sie gezwungen, sich splitternackt ausziehen, sogar ihr Ring wird ihr mit Seife und Gewalt vom Finger gerissen. Es ist nicht das letzte Mal, dass sich die stolze junge Frau vor Amtsaugen entkleiden muss. Im Notaufnahmelager wiederholt sich die Prozedur vor der Amtsärztin, deren besonderes Augenmerk den Achselhaaren gilt, die später in der „Sichtungsstelle“ Gegenstand abfälliger Kommentare zweier CIA-Agenten werden. Notaufnahmelager, Sichtungsstelle, Achselhaare – wir befinden uns mitten im Kalten Krieg, in West-Berlin, Ende der Siebzigerjahre, in einer Zeit und in einem Land, die für viele längst im Meer des Vergessens versunken sind. Christian Schwochows Film „Westen“ nach Julia Francks 2003 erschienenen Roman „Lagerfeuer“ holt diese Vergangenheit mit Wucht zurück.

Wer vom Osten in den Westen wechselte als Flüchtling oder legal nach jahrelangem schikanösem Warten als Übersiedler, der kam aus der Unfreiheit in die Freiheit und aus dem Mangel in den Überfluss. Das jedenfalls war die Verheißung des Westens. Nelly Senff geht diesen Weg allerdings nicht aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen, sondern aus „eigentlich ganz persönlichen“, wie sie in ersten Befragungen im Notaufnahmelager angibt. Ihr russischer Lebensgefährte, der Vater ihres Sohnes Alexej, ein international angesehener Physiker, stirbt in Moskau bei einem Autounfall. Von da an sieht sich Nelly dem zudringlichen Interesse der Stasi ausgesetzt. Sie will ihr altes Leben hinter sich lassen, vergessen und im Westen neu anfangen als souveräne Autorin ihrer eigenen Biografie. Das ist in den Zeiten der Blockkonfrontation nicht vorgesehen. Der Weg in die Freiheit führt erst einmal in die Paranoia geschwängerte Sonderwelt des Notaufnahmelagers, wo ein Notaufnahmeverfahren durchlaufen und mit insgesamt nicht weniger als zwölf Stempeln auf dem Laufzettel beglaubigt werden muss, auch von den Sichtungsstellen der drei westalliierten Geheimdienste.

Formal waren Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR nach westdeutscher Rechtsauffassung natürlich deutsche Staatsbürger. Behandelt wurden sie wie Angehörige einer Einlass begehrenden Risikogruppe. Und wenn da im Lebenslauf ein russischer Physiker mit internationalen Kontakten vorkommt, dessen verbrannte Leiche angeblich nicht mehr identifiziert werden konnte, dann rascheln die Agenten in ihren Büros mit den Dossiers und stellen bohrende Fragen, Fragen von der Art, denen Nelly eigentlich ein für allemal entkommen wollte.

Das Großartige an Schwochows Film ist, dass er viel mehr erzählt als nur eine solche Vom-Regen-in-die-Traufe-Geschichte. „Westen“ handelt davon, dass eine Mutter von ihrem Kind gerettet wird. Nelly verliert nach und nach ihre Selbstsicherheit und Zuversicht. Sie hat zu niemandem mehr Vertrauen, weder zum CIA-Agenten John Bird, mit dem sie sich erotisch einlässt, noch zu Hans, einem undurchsichtigen Dauerbewohner des Lagers, der immer zur Stelle ist, wenn sie Hilfe braucht. Gegen diesen Sog psychischer Verwüstung stemmt sich Alexej mit kindlicher Beharrlichkeit. Er lässt sein bisschen Vergangenheit wirklich hinter sich und sucht sich unbeirrbar Hans als Ersatzvater aus. Ob der ein Spitzel der Stasi ist, wie im Lager vermutet wird, interessiert ihn nicht. In einem Kosmos, der vom Misstrauen beherrscht wird, fass das Kind Vertrauen. „Westen“ ist also ein Märchen. Dass der Film so verstanden sein will, zeigt er mit seinem weihnachtlichen Schluss überdeutlich.

Seine ästhetische Wirkung beruht auf dem Kampf, den überragend gute Schauspieler mit einer unerbittlich sie stets neu bedrängenden Kamera austragen. Vor allem Jördis Triebel als Nelly liefert sich atemraubende Duelle mit dem zudringlichen Auge. Tristan Göbel ist ihr in der Kinderrolle ebenbürtiger Partner. Großartig auch Alexander Scheer als Hans und Jacky Ido als John Bird, die beiden um Nelly kreisenden Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten und undurchsichtig bleiben.

Drama: D 2014, 102 min., von Christian Schwochow, mit Jördis Triebel, Tristan Göbel, Alexander Scheer, Jacky Ido

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