Kulturmacher

Die Geschäfte der Toilettenfrau

Bestatter, Theater-Chef und Gründer des ersten deutschen Friedhofscafés: Der rastlose Bernd Boßmann hat im Leben fast noch mehr Rollen gespielt als auf der Bühne

Mit einem Wort lässt sich nicht beschreiben, wer Bernd Boßmann ist. Sicher: Vor allem ist er Schauspieler. Seit den 80er-Jahren steht er auf Bühnen, viele Jahre davon mit den „O-Ton-Piraten“. Das sind fünf Kabarettisten, die mit ihren Playback-Revuen weit über Berlin hinaus Erfolg hatten. Sie „kapern“ den Originalton aus Filmen oder Werbung und spielen dazu eine eigene Geschichte. Er hat aber auch in Filmen mitgewirkt, vor allem von Rosa von Praunheim. So war er die Charlotte von Mahlsdorf in „Ich bin meine eigene Frau“. Außerdem ist der Mann Krankenpfleger, Café-Betreiber, Bestatter, Blumenverkäufer und seit Neuestem auch Unternehmer. Aber dazu später.

Vor fünf Jahren hat Boßmann für die O-Ton-Piraten eine eigene Spielstätte gegründet: Das Theater O-Ton-Art an der Kulmer Straße in Schöneberg. Als O-Ton-Pirat war Boßmann schon „Theodor van den Boom“ und die Drag-Queen „Ichgola Androgyn“. Inzwischen schlüpft er gern in die Rolle von Toilettenfrau „Kläre Grube“. An ihr hat der Theatermacher solchen Gefallen gefunden, dass er ihr sogar eine eigene Ehrenecke, das „Toilettenfoyer“, in seinem Theater geschaffen hat: Mit einem Fauteuil, auf dem eine Decke mit Bergmotiv liegt, mit verstaubten Toilettenartikeln, Accessoires aus den 40er-Jahren und einer lebensgroßen „Kläre“-Puppe im Kittel. Gern inszeniert sich der Theaterleiter selbst in diesem schrillen Idyll.

Nebenbei Limonaden-Erfinder

Boßmann hat das Theater selbst eingerichtet und zeigt dabei viel Liebe zum Detail. Fünf Jahre ist es erst alt, aber wer seinen Blick über die Theke, die alten Bilder und die dezent vergilbten Wände schweifen lässt, hat den Eindruck, dass es dieses Theater schon immer gibt. „Das ist Absicht“, sagt Boßmann. Seine Gäste und die Schauspieler sollen sich nicht neu und fremd, sondern wie zu Hause fühlen.

Nach Jahren des Tourens hatten die O-Ton-Piraten das Herumfahren satt. Da hat Boßmann gesagt: „Dann gründen wir eben ein Theater.“ Hauptkriterium: Es sollte „pantoffelnah“ sein, sodass jeder Pirat von seiner Wohnung im Kiez „herschluppen“ könne. Sein Wunschort war die Kulmer Straße 20A. Das Haus kannte er, weil hier das erste Schwulenzentrum Berlins untergebracht war. Als tatsächlich im Hinterhof eine Offset-Druckerei schloss, war es für ihn wie der sprichwörtliche Wink mit dem Zaunpfahl.

„Aber mach’ mal aus einer Druckerei ein Theater!“, Boßmann bläst die Backen auf. Für Handwerksbetriebe war kein Geld da, also hat er alles selbst gemacht: „315 Quadratmeter in drei Monaten.“ Ein bisschen Stolz schwingt da mit.

Aber fast wäre doch nichts aus dem Theater geworden, denn Boßmann hatte nicht mit der Bauaufsicht gerechnet, und die wiederum nicht damit, dass Boßmann eigenhändig Wände versetzen würde. Statt einer Genehmigung hätte er da fast eine Klage am Hals gehabt. Zum Glück nur fast. Und darum gibt es hier seit 2009 Comedy, Travestie, Chanson. „Ein buntes Sammelsurium“, beschreibt es Boßmann – und das alles bringt er ganz ohne Subventionen auf die Bühne. Bis 2013 spielten dort auch die O-Ton-Piraten, aber im September hat das Quintett vorerst das Kapern eingestellt.

Dafür gibt es jetzt mehr Kläre Grube, auch als Konterfei auf der Limonade, die am Tresen verkauft wird. Oma Kläre ist nämlich nicht nur für Toiletten zuständig, sondern auch Geschäftsfrau. In ihrem Namen hat Boßmann eine eigene Limonade auf den Markt gebracht, sein jüngstes Projekt. Es gibt sie in den Geschmacksrichtungen Pflaume-Mirabelle und Lavendel-Fenchel. Selbstbewusst bezeichnet er sie als Hauptstadt-Erfrischung.

Noch selbstbewusster hat er ihr den Namen „Berlinade“ gegeben und sich viel Ärger mit einem sehr ähnlich klingenden großen Bio-Limonadenhersteller eingehandelt, der ihm diesen Namen verbieten wollte. „Hat aber nicht geklappt“, sagt Bernd Boßmann. „Ich habe gewonnen.“ David gegen Goliath gelingt selten im Wirtschaftsleben, aber manchmal eben doch.

Mit dem Verkauf der Berlinade will Boßmann weitere Projekte finanzieren, zum Beispiel eine Pflegestation für Senioren aus dem Kiez. Denn Theaterleitung, Schauspielerei und Limonade ist längst nicht alles in seinem Leben. Seit 2006 betreibt er auf dem St-Matthäus-Friedhof in Schöneberg das Café „Finovo“. So etwas ist neu in Deutschland. In dem kleinen Lokal gibt es täglich Kaffee und natürlich die Berlinade, und jeden Tag selbstgemachte Kuchen und Suppen. „Oma Kläres Apfelkuchen“ kommt besonders gut an. Boßmann backt ihn nach einem Rezept seiner Großmutter.

Der Einsamkeit entkommen

Boßmann ist außerdem Einzelhändler, weil er gleich neben dem kleinen Café auch einen noch kleineren Blumenladen betreibt. Er hat darüber hinaus ein Bestattergewerbe angemeldet.

Friedhof, Café, Theater, Blumen: Das ist für Bernd Boßmann Teil einer großen Idee. „Gelebte Nachbarschaft“ nennt er das. Er will die Menschen im Kiez zusammenbringen. Bald nach der Eröffnung des Cafés hat er auf dem Friedhof eine große Kirmes veranstaltet. „Kirmes: Das ist doch kein Rummel“, erklärt er seine Idee, „sondern ein Fest, auf dem die ganze Gemeinde zusammenkommt.“ Die Feiern sind inzwischen zur Tradition geworden.

Dass auf einem Friedhof nur geschwiegen oder höchstens geflüstert wird, das mag er ohnehin nicht. In seinem Café soll man sich ja gerade deshalb treffen, um aus der Einsamkeit herauszukommen, um Menschen zu treffen, um zu reden, um vielleicht neuen Lebensmut zu schöpfen. Auch für ihn selbst gelte das, sagt Boßmann.

Auf dem Matthäus-Friedhof liegt seit neun Jahren sein Kabarettkollege und ehemaliger Lebenspartner Christoph Josten. In einem großen Grab, in dem Boßmann selbst einmal Platz finden wird. Für ihn, sagt der 53-Jährige, sei das ein beruhigendes Gefühl.