Kulturmacher

Zu groß für Shakespeare

Das gibt es nur in Berlin. Schauspielerin Barbara Geiger betreibt ein Theater, das Stücke über gefährdete europäische Tierarten spielt. Als nächstes beschäftigt sie sich mit Ameisen

Barbara Geiger geht die Dinge etwas anders an. Die Schauspielerin hätte ja gern einmal die Lady Macbeth gespielt, doch als es soweit war, in William Shakespeares Heimat Großbritannien noch dazu, verlor sie die Rolle, weil die hochgewachsene Deutsche den Herrn Macbeth um einen Kopf überragt hätte. Es war eine Frage der Statur.

Statt dessen erfand sie das Theater „Fräulein Brehm“. Deren Spielstätte ist die Lokhalle im Natur-Park Schöneberger Südgelände. Geiger spielt das Fräulein, recherchiert ihre Tierthemen, schreibt die Texte, entwickelt die Dramaturgie, führt Regie und beschäftigt in ihrem Ensemble inzwischen sieben Kolleginnen.

Geboren wurde die Figur in einer schlaflosen Nacht im Jahr 2007. Barbara Geiger stöberte in einem Karton mit Büchern aus dem Nachlass ihres Vaters. Und fand die Sammlung „Brehms Tierleben“. Sie öffnete den Klassiker, landete bei den Glockentierchen und war fasziniert von deren Wimpern. Sie wollte mehr und vor allem das Original kennen lernen, das ab 1863 erschienen war.

In der Berliner Stadtbibliothek wurde sie fündig. Die Bibliothekarin stellte ihr ein Regal mit den zehn Bänden der Enzyklopädie zur Verfügung. Geiger bekam Handschuhe, um die Bücher zu schonen, einen festen Sitzplatz, und vergrub sich in die Literatur. „Das Wort ist mein Arbeitsmaterial“, sagt sie.

Am Anfang war der Gorilla

Erst beschäftigte sie der Gorilla, dann Haushunde, schließlich der Wolf. Monate verbrachte sie bis 2008 zwischen den Büchern, bis ihr Freund Stephan Lux ihr den Original-Brehm auf DVD-Datenträger schenkte, inklusive Grafiken von Künstlern der Zeit. Geiger konnte zu Hause in Mitte weiterarbeiten.

Häufig ist sie dort nicht anzutreffen, denn zu jedem Stück gehört Feldforschung. Für den Wolf fuhr Barbara Geiger in die Lausitz und konnte die Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt vom wildbiologischen Büro „Lupus“ als Berater gewinnen. Die Wissenschaftler informieren sie über den neuesten Stand der Forschung.

„Der Wolf ist ein Thema in Deutschland, in ganz Europa“, sagt sie, und ergänzt: „Rotkäppchen, das Luder, wenn ich die erwische...“ Geiger zeigt nun ihrem Publikum, warum manche Menschen den Wolf fürchten, andere ihn erforschen und was der Wolf selbst so macht. Sie kombiniert Märchen, Wissen und immer wieder Alfred Edmund Brehm, zeigt präparierten Wolfskot, einen echten Schädel, Bilder von Kunstwerken. Das Ergebnis ist wissenschaftliches Theater für Kinder und Erwachsene. „Der intelligente Zuschauer kann selbst entscheiden, was er davon hält“, sagt die Schauspielerin.

Die Stücke werden aktualisiert, je nachdem, wie sich die Situation der Tiere in der Natur wandelt. Zum Beispiel für den umtriebigen Wolf: Vor wenigen Wochen wurden in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal auf gleichem Gebiet Wolf und Luchs nachgewiesen. „Das ist eine Sensation“, sagt Barbara Geiger. Natürlich schreibt sie ihr Stück um.

Auf den Wolf, an dem Geiger ein Jahr lang arbeitete, folgten Luchs, Bär und Wildkatze, dann der Mikrokosmos mit Regenwurm und Wildbiene. Demnächst studiert Geiger die Ameise. Ihr Ziel ist, die zehn Bände Brehms auf die Bühne zu bringen, zumindest die Beiträge über gefährdete Tierarten. „Mit dem Wolf habe ich ein Grund-Konzept erarbeitet, darauf kann ich aufbauen“, sagt Barbara Geiger.

Förderung erhält sie selten. Doch dem finanziellen Druck gewinnt die freischaffende Künstlerin Positives ab: „Ich muss mein Gehirn immer anstrengen, um zu überleben.“ Diese Herausforderung ist für sie eine Art Lebenselixier. „Ich brauche keinen Urlaub“, sagt Geiger, „ich liebe, was ich mache. Das ist ein Geschenk.“

Londoner Schauspielschule

Für Geiger stand früh fest, dass sie Schauspielerin werden wollte. „Doch ich komme aus Bayern, und meine Familie hatte damit nichts am Hut.“ Ab 1985 lernte sie an der Richmond Drama School in London. Sie arbeitet für Film und Fernsehen, jobbte, um die Miete zahlen zu können. „Ich hatte so ein Glück“, sagt die 48-Jährige heute. „Ich habe tolle Menschen getroffen, die meine Talente erkannt und gefördert haben.“ So habe sie beispielsweise ihren Hang zur Akribie entdeckt. „Ich will tief eintauchen, genau wissen, worum es bei einem Thema geht.

1993 zog sie zum Studium nach Berlin. Mehr als ein Semester hielt sie nicht aus. George Tabori holte sie für eine Kafka-Adaption ans Wiener Burgtheater, außerdem arbeitete Barbara Geiger am Berliner Globe Theatre und produzierte und spielte ihr erstes eigenes Stück „Venus und Adonis“ von William Shakespeare. Es war ihr „Mutmacher“ und wird immer noch gespielt, genau wie Geigers nächstes Stück „Picassos Frauen“ als fiktive Pressekonferenz für Museen und Kunsthallen.

Unterstützer hat Barbara Geiger auch heute. So arbeiten die Kuratoren kostenlos mit, überlassen ihr Bildmaterial für die Aufführungen. 60 Minuten dauert ein Stück, sechs Stücke hat sie inzwischen im Repertoire. Die Darstellerinnen des „Fräulein Brehm“ ihrer Schauspielgruppe spielen in ganz Deutschland, in Freiburg beispielsweise monatlich, sowie in der Schweiz. Anfragen kommen aus Großbritannien und den USA, etwa vom Smithsonian Institute. Barbara Geiger erwägt einmal hinüberzufliegen, um eine Zusammenarbeit auszuarbeiten und ein amerikanisches „Fräulein Brehm“ anzulernen. Aber jemanden aus ihrem Ensemble zu regelmäßigen Aufführungen nach Amerika zu schicken, wäre ihr nicht recht. „All die Flüge: Das wäre doch Umweltverschmutzung.“

Zum Jahreswechsel 2014 hat sie ein neues Kartenpreissystem eingeführt. Wer unter 670 Euro verdient, zahlt 4,20 Euro (so viel kostet auch das Kinderticket). Bei 1427 Euro sind es neun Euro. Ein Netto-Millionär müsste 6300 Euro für das Ticket bezahlen. Das kam noch nicht vor. Aber: „Wer mehr hat, zahlt tatsächlich mehr. Und die, die wenig haben, trauen sich wiederzukommen, weil sie sich das leisten können“, sagt Geiger. Ihre Rechnung geht auf. Auch moralisch.