Zwölf Stunden

Unter Strom

Das Heizkraftwerk Reuter West in Spandau ist ständig in Betrieb. Seit mehr als 25 Jahren beliefert es 400.000 Haushalte mit Wärme und produziert Elektrizität für eine Million Haushalte

05:50 Es ist dunkel und kalt vor dem Heizkraftwerk Reuter West in Spandau. Faszinierend und unheimlich zugleich steht der beeindruckende Industriebau seit etwas mehr als 25 Jahren zwischen der Nonnendammallee und der Spree. Es ist kurz vor dem Beginn der Frühschicht. Eine Führungskraft und zwölf Kraftwerker werden in den kommenden Minuten die Mannschaft aus der Nacht ablösen.

07:00 Auf den Fluren vor den Büros duftet es nach frischem Kaffee. In den Werkstätten, in der Hauptwarte und der Werkzeugausgabe herrscht der übliche Betrieb. Auch im sogenannten Werkzeuggebäude brennt das Licht, die täglich anfallenden Arbeiten werden routinemäßig vorbereitet.

07:25 Maschinenschlosser Detlef Amende ist ein Techniker mit Sonderaufgaben. Sein Arbeitsplatz ähnelt dem eines Archivars inmitten von Tausenden von Aktenordnern. Untergebracht sind diese in speziellen Archiv-Regalen, die mit einer Handkurbel auf Schienen bewegt werden. Hier behält der 58-Jährige Prüfintervalle im Blick und pflegt die Prüfungsunterlagen. Und mit jeder Prüfung kommen neue Unterlagen dazu. „Es gibt beispielsweise sieben- und zehnjährige Prüfintervalle für die einzelnen technischen Anlagen und Bauwerke. Diese Fristen müssen eingehalten werden“, erklärt er. Zu den Vorbereitungen würden auch zahlreiche Telefonate mit dem TÜV gehören. „Derzeit bereite ich die Überprüfung der Hilfskessel und der kleinen Hilfsdampferzeuger vor.“

9:30 „1,8 Kilometer Förderbänder“, sagt Platzmeister Michael Zander und zeigt dabei auf die schwarzen breiten Bänder, auf denen die Kohle transportiert wird. „Mit Hilfe eines Krans werden die Schiffe, die die Steinkohle bringen, entladen“, erklärt der Gruppenleiter der Ver- und Entsorgung. Auf den Bändern wird die Kohle dann zum Kohlelagerplatz und von dort aus zum Heizkraftwerk Reuter West oder dem Heizkraftwerk Reuter befördert. „Im Herbst wird aufgehaldet“, erklärt der 50-Jährige und winkt dem Kapitän eines vorbeifahrenden Schubverbandes auf der Spree zu.

11:00 Zwischen den Hallen 1 und 5, dem Kühlturm sowie dem Kohlelagerplatz wird eine Schülergruppe über das Kraftwerksgelände geführt. Die Touren sind so beliebt und auch stark nachgefragt, dass auf dem Gelände auf Schautafeln Details zu einzelnen Komponenten des Heizkraftwerkes Reuter West erklärt werden. Ein Vattenfall-Mitarbeiter erklärt den Schülern, wie die zu Staub zermahlene Steinkohle in einem 1100 Grad heißen Feuer verbrannt wird. In einem Rohrsystem wird Wasserdampf mit mehr als 500 Grad und 200 Bar durch Turbinen „gejagt“. Der so entstandene Strom deckt den Bedarf von einer Million Haushalte.

12:20 Ulrich Gensberger, Kraftwerker Bereich Chemie, entnimmt die tägliche Wasserprobe aus dem Auffangbecken unterhalb des Kühlturms. Für den Kühlkreislauf des Kraftwerkes werden täglich große Mengen Wasser der Spree entnommen. Was aus dem Kreislauf im Becken unter dem Kühlturm aufgefangen wird, müsse einmal am Tag entnommen und im internen Labor untersucht werden, erklärt Gensberger. Stimmen die Werte, wird das Wasser erneut in den Kühlkreislauf geleitet beziehungsweise zusätzliches Spreewasser wird dazugenommen.

13:00 Hinter verschlossenen Türen wird eine sogenannte „Thermal-Befliegung“ besprochen. In zwei Nächten ab ungefähr 22 Uhr wird dann ein dafür ausgerüstetes Flugzeug die rund 450 Kilometer Fernwärmeleitungen in Mitte in einem Kilometer Höhe überfliegen. „Mit einer besonderen Infrarot-Aufnahme-Technik liefert so ein Flug Wärmebilder über den Zustand der unterirdischen Fernwärmeleitungen, Dämmeigenschaften oder eventuelle Betriebsstörungen im Fernwärmenetz“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. „Der Flug darf nur in den Nachtstunden stattfinden, um den Flugverkehr über Berlin nicht zu stören.“

13:30 Es ist nur eine kleine Luke, die den Blick in das mehr als 1100 Grad heiße „Höllenfeuer“ zulässt. Kesselschlosser Florian Seitz ist mit einem Hitze- und Feuerabweisenden Schutzanzug bekleidet. „Unser Ziel ist es, den Brennstoff zu möglichst 100 Prozent zu verbrennen“, erklärt Seitz. „Aus diesem Grund kontrollieren wir die Flamme und das Feuer und sehen nach, ob es Anbackungen an den Innenwänden des Kessels gibt.“ Einmal im Jahr würde man im Rahmen einer Revision das Feuer ausgehen lassen und dann den kalten Kessel genauestens untersuchen.

14:45 Die Kontrolle am Kessel ist beendet und Seitz gibt seine persönliche Schutzkleidung kurz vor Schließung der Werkzeugausgabestelle zurück. Für eine geplante Arbeit am Tag darauf lässt er sich vom Chef der Werkzeugausgabe Michael Hauf einen sechs Kilogramm schweren Maulschlüssel zurücklegen. Dieser werde aber nur sehr selten eingesetzt, erklärt Kraftwerker Hauf. Er hat eine Größe von 120 Millimeter, sagt er.

15:30 In der Hauptwarte des Kraftwerkes wurde eine kleine Auffälligkeit an den Turbinen E und D angezeigt und dann gemeldet. Kraftwerker Holger Ewald macht sich sofort auf den Weg in die überdimensional große Turbinenhalle. Dort sind mehrere Turbinen in Betrieb und erzeugen Strom. Mit einer Taschenlampe leuchtet er den Steuerhydroblock von Turbine E ab. „Die Sicherheitseinrichtungen werden routinemäßig alle sechs Wochen kontrolliert“, sagt er. Ewalf kennt jede Ecke und jeden Flur des Kraftwerks. Er arbeitet seit 27 Jahren im Reuter West.

16:15 „Die Trafostation auf dem Kraftwerksgelände ist das Ziel von Andreas Liß. „Hier speisen wir 22.000 Volt in die Trafostation ein und geben schließlich 400.000 Volt ins Netz“, erklärt der 48-jährige Techniker der Elektroinstandhaltung. Selbst altgediente Kraftwerker hätten einen riesigen Respekt vor der Trafostation. Der gesamte Trafo werde mit Öl gekühlt, sagt Liß, er müsse den Schieber eines Ölkühlers kontrollieren und überwachen ob er tatsächlich geöffnet sei, wie es die Anzeige signalisiert. Liß berichtet, dass es häufiger als früher vorkommt, dass Tiere auf dem Werksgelände an dem riesigen Trafo an die gefährlichen Stromleitungen geraten würden.

18:20 In der Hauptwarte sitzen drei Kraftwerker vor einer großen Monitorwand und kontrollieren den Betrieb an 24 Stunden täglich das ganze Jahr über.