Action

Bloß keine Gesichtsregung

Keanu Reeves ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Das beweist auch sein Regiedebüt: „Man of Tai-Chi“

Ist „Matrix“ eigentlich auch so schlecht gealtert wie Keanu Reeves? Müsste man bei Gelegenheit mal überprüfen, was von dem, das sich 1999 atemberaubend anfühlte, so im Gedächtnis hängen blieb, sind hauptsächlich kitschige Szenen in dunklen Kulissen: Reeves’ Neo hackt Codes, eine Katze kommt zweimal die Treppe herunter und, am berühmtesten und schlimmsten zugleich: Laurence Fishburne offeriert pompös zwei Pillen, eine blau, die andere rot. Längst vergessen, welche Neo am Ende geschluckt hat. Jedenfalls kann man festhalten: Es muss eine bittere gewesen sein.

Denn Reeves ist in irgendeiner Zwischenwelt verloren gegangen, in der Gesichtslähmung als Schauspielkunst gilt und die emotionale Intensität von B-Movies das Höchste der Gefühle ist. Das einzig Überzeugende an den Projekten, die er in den letzten Jahren unternommen hat, waren ihre Namen. 2008 etwa l das Remake des Sci-Fi-Klassikers „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ – was wohl ein gehässiger Kommentar über Reeves’ Mimik war. Oder 2009 bis 2012 die erfolglose Fernsehserie „Easy to Assemble“, leicht zusammenzubauen, was sich am sinnvollsten auf den von Reeves vorgeführten Charakter beziehen ließ.

Zwischendurch spielte er in selbstgefälligen Möchtegern-Arthouse-Filmen wie „Threesome“, in dem er sich selbst beim Gelangweiltsein filmt. Den größten Erfolg hatte er zuletzt wohl mit „Sad Keanu“, einem Internetsport, bei dem die Leute Bilder von Paparazzi sammelten, auf denen ein deprimiert wirkender Keanu Reeves irgendwo herumsaß. Vielleicht um diesen Grausamkeiten der westlichen Welt zu entkommen, hat sich Reeves in letzter Zeit dem sogenannten Eastern zugewandt und in kurzer Folge zwei groteske Schrecknisse produziert: die durchgeknallte Samuraisause „47 Ronin“ und nun „Man of Tai Chi“. Sein Regiedebüt.

Tai Chi, wie wohl jeder weiß, das sind diese Gymnastikübungen in Zeitlupe, die ältere Herren mit Spitzbart in öffentlichen Parks betreiben. Langsam, könnte man sagen, reicht es aber mit den selbstironischen Anspielungen auf Reeves’ schauspielerische Möglichkeiten! Denn über den Kalauer hinaus ernst nehmen kann man den Quark, den Reeves hier abliefert, wirklich nicht. In Kürze geht es darum: Ein unterernährt aussehender Dreiradkurier (tagsüber) und Tai-Chi-Schüler (abends) wird vom bösen Donaka Mark (Reeves) angeheuert, einer Art Don King des illegalen regellosen Kampfsports mit häufiger Todesfolge. Erst will der Kurier nicht, weil andere Leute für Geld mindestens halbtot zu schlagen nicht dem Ehrbegriff des Tai Chi entspricht. Dann aber droht dem jahrhundertealten Trainingskloster hoch über der Stadt Pekings – von der es übrigens sehr schöne Ansichten gibt – die Schließung durch die Baubehörde. Eine umfassende Sanierung ist erforderlich. Für die braucht es Geld. Und woher kommt das wohl? Richtig.

Im weiteren Verlauf knallt das schmächtige, aber schlagkräftige Bürschchen Tiger Chen – das übrigens auch im wahren Leben so heißt, es handelt sich um das Stuntdouble und den Kampfkunstlehrer, der Reeves für „ Matrix“ fit gemacht hat – knallt Tiger Chen jedenfalls verschiedenen Gegnern ein paar, bis sie umfallen. Das hat etwas vom allmählichen Levelaufstieg in Videospielen, und tatsächlich ist Drehbuchautor Michael G. Cooney bisher vor allem als Texter für Knöpfchendrückabenteuer wie „Devil May Cry 4“ und „Resident Evil 6“ aufgefallen.

Am Ende muss Tiger natürlich gegen einen bedrückend Steven-Seagal-mäßigen Donaka Mark antreten, der sich nicht damit zufrieden gegeben hat, die Kämpfe zu organisieren; er hat die Geschichte von Tigers moralischem Fall als Seifenoper fürs Fernsehen inszeniert. Der finale Kampf inklusive Quasi-Kill-Bill-Todeskralle ist ein Ausbund an Lächerlichkeit; Reeves, der Filmemacher, hat sich Mühe gegeben, die Seile, die die Kämpfer schick durch die Luft wirbeln lassen, fein säuberlich wegzuretuschieren. Seinem Mienenspiel hätten ein paar Facelifts, retuschiert oder nicht, viel mehr notgetan.

Am Ende ist das Kloster gerettet, und Tiger muss nicht mehr Dreirad fahren. Im Bauamt hat er sogar ein nettes Mädchen kennengelernt. Keanu Reeves hingegen liegt tot auf der Erde. Er sieht sehr traurig aus. Hoffentlich macht keiner ein Foto und stellt es ins Internet.

Action: USA 2014, 105 min., von Keanu Reeves, mit Tiger Hu Chen, Keanu Reeves,Simon Yam

+----